Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

208 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
diesem von gleicher entwicklungsgeschichtlicher Grundlage aus— 
gehend entfaltet hatte. Hier wie dort ist das Entscheidende 
das Problem der Lichtführung in der Architektur. Aber während 
man im Barock, den großen Lichtkunstlern auf dem Gebiete der 
Malerei parallel, die Aufgabe vor allem in der künstlerischen 
Behandlung des Helldunkels, in der Schaffung gewaltiger und 
berwickelter Widerscheine gesucht hatte — ein System, das 
die stärkste Steigerung der tektonischen Formen hervorrufen 
mußte —, war das Rokoko, von keiner Malerei zeitlich 
geführt, von ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten her dem 
bestehenden Problem gerecht geworden. Dem Bedürfnis großer, 
einfacher Lichtwirkungen, der Absicht, das Licht als Ganzes, 
als vollen Tag in die geschlossenen Räume einer großen 
Architektur einzufangen, verdankte das Barock der Innenräume 
seine allmähliche Umgestaltung zum Rokoko, dem darum Licht 
und lichte Farbe alles, Form — 
war. Es ist eine Entwicklung, die von der künstlichen 
Belichtung von Innenräumen, wir sie das 17. Jahrhundert 
zu schaffen gewußt hatte, hinüberzuführen schien zu dem 
Probleme eines neuen, erst kommenden Zeitalters, zu der Auf— 
gabe, das volle, freiflutende Licht der Außenwelt zu bewältigen. 
Und indem auf diesem Gebiete nicht eigentlich die Architektur, 
wohl aber die Kunst der Innendekoration die Führung über⸗ 
nommen hatte, hatte sie sich Plastik und Malerei als Folgekünste 
einverleibt. Ja, sie hatte sich sogar die eigentliche Architektur 
so gut wie unterworfen. Denn was blieb dieser schließlich noch 
üäbrig als die Herstellung vollbelichteter Räume mit indiffe⸗ 
renten Wänden, deren sich die Dekoration zu bemächtigen wußte? 
Und wie konnte sie jetzt noch den Fassadenbau in der Weise 
des Barocks betonen, da alle künstlerische Aufmerksamkeit sich dem 
Innern zuwandte? So starb die barocke Fassadenarchitektur 
zänzlich ab; und die Formen einer vereinfachten palladiesken 
Bauweise konnten sich, bisher nur in einer Seitenströmung zum 
Barock erhalten, nun völlig ausbreiten. Indem dies geschah, 
kam es zum Stil des späteren Rokokos, zu einer fast völligen 
Ernüchterung. Der Weg der Renaissaucekunst des 16. Jahr⸗
	        
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