Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

210 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
vertikale Form des städtischen Palastes, von dem eigentlich nur 
der große Saal und das reiche Treppenhaus gegen den fran— 
zösischen Geschmack festgehalten wurden: begreiflich genug bei 
der Tatsache, daß die meisten fürstlichen Residenzen des deutschen 
Bodens kleine Städte oder gar wohl Dörfer waren, die erst 
durch die Anwesenheit eines Hofes halb städtischen Charakter 
erhalten hatten. So entstanden denn, nach dem Vorbilde des 
Mansartschen Baues in Versailles, die ungemein ausgedehnten 
Fronten der deutschen Rokokoschlösser; Nymphenburg hat eine 
Front von fast 600 Meter, Charlottenburg einen solche von rund 
500 Meter; die Front des kurfürstlichen Schlosses in Bonn, 
der heutigen Universität, schloß einst mit ihren rund 875 Metern 
die Stadt Bonn fast vom Süden des Rheintals ab. Ent—⸗ 
sprechend diesen langen Fronten ging man dann wenig in 
die Höhe; Schlösser wie Benrath bei Düsseldorf, Wilhelmsthal 
bei Kassel, Sanssouci in Potsdam besitzen überhaupt nur ein 
Erdgeschoß. Doch waren zwei, selbst drei Geschosse für den 
Hauptbau immerhin nicht selten. 
Der Hauptbau und einzelne flankierende Pavillons wurden 
dabei, wie in Frankreich, durch langgestreckte, ursprünglich zum 
Aufstellen von Kunstwerken bestimmte Galerien verbunden, und 
vor dem Ganzen breitete sich weithin ein Garten aus im Ge⸗ 
schmack Lenötres: mit Terrassen und Wasserkünsten, mit einem 
Ohâteau d'eau und einer Orangerie, mit Buonretiros und Bel— 
vederes, mit Glorietten und Pavillons, mit Fasanerien und 
Menagerien; und ebenso wie in Frankreich verlief dieser Garten 
aus der steifen Architektur grade geschnittener Buchsbäume und 
Taxushecken allmählich ins Natürliche, Freie. 
So ist in Deutschland eine gewaltige Anzahl von großen 
Anlagen entstanden; denn der Bauluxus gehörte zu den gewöhn— 
lichen Leidenschaften der Fürsten des Zeitalters; ja er wurde 
nach den bestehenden merkantilistischen Lehren als eine Verpflich— 
tung des Monarchen betrachtet!. Am meisten festen Fuß 
faßte die neue Bauweise aber mit am Rhein: es war in der 
Vgl. schon Bd. VI, S. 485f.
	        
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