216 3wanzʒigstes Buch. Erstes Kapitel.
Freilich: in den Hintergrund gedrängt erschien Deutschland
trotz allem, und nur für die erste Stufe der großen ästhetischen
Bewegung des 16. bis 19. Jahrhunderts, für die Erringung
der künstlerischen Herrschaft über das gebundene Licht auf dem
Gebiete der Malerei, gebührt ihm, gebührt seinem damals am
weitesten vorwärts gerichteten Stamme, den Niederländern, die
Ehre der Führung. Jetzt aber war man über die Beherrschung
des künstlich geführten Lichtes in der Malerei hinweggeschritten
zur Beherrschung des gleichen Lichtes auch in der Architektur:
das Barock ist die Architektur energischer Reflexe des künstlich
geführten Lichtes, eine Architektur des Helldunkels; das Rokoko
ist die Architektur möglichst freien Lichtes innerhalb des bau⸗
lichen Abschlusses, eine Architektur also möglichst gering be—
schatteter Räume.
Das Barock entsprach damit entwicklungsgeschichtlich der
ästhetischen Anschauungshöhe, auf welcher sich die Malerei der
Niederländer befand, vor allem die Malerei des Rubens.
Über dieses Niveau hinaus strebte schon Rembrandt; er versuchte
sich an der Bewältigung eines freieren Lichts. Allein ein graduell
stärkerer, merkbarerer Fortschritt wurde doch nicht schon von ihm
gemacht, sondern erst in den Lichtwirkungen der Innenräume
des Rokokos kunstvoll herbeigeführt: das Rokoko stand insofern
auf einer höheren Stufe ästhetifcher Entwicklung. Zwar war
auch jetzt noch nicht das Geheimnis künstlerischer Wiedergabe
des freien Lichtes gewonnen, aber doch trat die Belichtung
der Rokokoräume und die durch diese Belichtung veranlaßte
Umwandlung der Innendekoration diesem Problem näher als
irgendeine Entwicklung einer früheren Zeit der bildenden Künste.
Hiermit hängt es zusammen, wenn im Zeitalter des Rokokos,
ja schon in den Vorbereitungsstufen desselben seit den letzten
Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Führung in den bilden⸗
den Künsten von der Malerei an die Architektur, richtiger an
jene Kombination von Architektur, Plastik und Malerei überging,
die für die Innendekoration von Bauräumen eintrat.
Man muß sich das vergegenwärtigen, will man die Stellung
der Plastik und Malerei in diesem Zeitalter begreifen.