Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 217 
2. Die Plastik war, wenige große und freie Schöpfungen 
ausgenommen, geradezu zum Kunstgewerbe geworden. 
Die Renaissance hatte der Statue auch da, wo sie der 
Architektur eingeordnet schien, ihr freies Leben gelassen und die 
Gesetze bildnerischen Schaffens fast gar nicht unterbunden. Die 
Wirkung des Barocks war völlig entgegengesetzt; je mehr es 
des Licht- und Schattenspiels plastischer Gruppen bedurfte, 
um so mehr unterwarf es diese seinen Gesetzen. 
Und schon hatte die führende Plastik des 16. Jahr⸗ 
hunderts, die italienische Kunst seit Michelangelo, Wege ein— 
geschlagen, die, ihrerseits wiederum tiefster Ausdruck immanenter 
Entwicklung, diese Unterwerfung erleichterten. Indem in den 
Schöpfungen des gewaltigen Florentiners nicht mehr die 
Gesamthaltung des Darzustellenden, sondern das Motiv, nicht 
mehr das Prinzip der schönen Natur, sondern die Absicht, 
ein bestimmtes Pathos darzustellen, maßgebend erschien für die 
Auffassung, wurde das Leben der Statue gleichsam außer 
ihr selbst verlegt und ihre Bewegung und Haltung diesem 
außer ihrer webenden Lebensgedanken untergeordnet. Die Folgen 
waren gewaltsame Behandlung des Körperlichen — um so 
gewaltsamer, als sie bei Michelangelo aus der genauesten 
anatomischen Kenntnis hervorging —, allgemeine Spannung 
des Dargestellten, gleichsam eine Art plastischer Nervosität, 
dielfach Aufhebung der schönen Linienführung, überhaupt Ver— 
nachlässigung des ruhigen Umrisses zugunsten möglichst ein— 
heitlicher Wirkung des Gesamteindrucks. Traten diese Anderungen 
der Auffassung bei Michelangelo meistens noch nicht grell hervor, 
sondern vielmehr eingebettet in die schönheitssichere Tradition des 
Cinquecento und in Schach gehalten durch die außerordentliche 
Persönlichkeit des Künstlers, so begreift man, daß sie unter seinen 
Nachfolgern, denen das persönliche Streben des Meisters zur 
Manier wurde, von viel stärkeren Folgen sein mußten. Sehen 
wir von Giovanni da Bologna (f 1608), dem lebensfrischen 
landrischen Meister aus Douai, ab, der seinen Werken etwas 
von dem prunkenden Kraftaufwand eines Rubens einzuverleiben 
wußte, so erscheint die italienische Plastik wie die ihr folgende
	        
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