Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 225
allem Dominichino. Ihnen entnahm er, gewiß mit Ernst, mit
Geschmack, mit Gründlichkeit, aber doch kühl, verstandesmäßig,
bewußt, was ihm brauchbar erschien für sein eigenes Schaffen,
ein erster, raffinierter Eklektiker. Und seitdem blieb es in der
französischen wie auch in der ihr immer mehr folgenden
deutschen Malerei beim Raffinement und Eklektizismus: das
Ergebnis waren Akademiker und Virtuosen, Langweiler und
Tausendkünstler.
Wie sehr dann im 18. Jahrhundert die Malerei und die
Kunst überhaupt als etwas Rationales, Erlernbares, zur Nütz⸗
lichkeit ebensosehr wie zur Schönheit Gemachtes galt, das
zeigt nichts besser als Mengs' kleines Büchlein „Gedanken über
die Schönheit“. Hier führt Mengs, obwohl er innerlich schon
über den Standpunkt des Rokokos hinausgewachsen war, dennoch
unter dem Drange des Herkommens aus: die Schönheiten der
Gemälde Raffaels seien Schönheiten der Vernunft und nicht
der Augen, könnten mithin durch das Gesicht erst dann gefühlt
werden, wenn sie den Verstand gerührt hätten, und meiut,
wem nicht eine Art philosophischer Verstand die Natur eröffne,
der tue am besten, auf dem Gebiete der Malerei als Nach⸗
ahmer zu glänzen. Da sei aber noch gewaltig viel zu tun,
denn alle Künstler seit der Renaissancezeit hätten nur das
Wahre und das Gefällige zur Absicht gehabt; und wenn es
auch wahr wäre, daß sie in den Teilen, die sie besessen, auf
den höchsten Gipfel gekommen wären, so bleibe doch noch für
den, der die Vollkommenheit suche, übrig, das Teil des einen
und andern zusammenzufügen. „Also sfoll sich kein Künstler
abschrecken lassen, weil andre groß gewesen, sondern vielmehr
durch ihre Größe sich erhitzen, mit ihnen zu streiten, denn es
bleibt noch Ehre, von ihnen überwunden zu sein, wenn man
hnen nur nachgeahmt.“
Es braucht nicht erst ausgesprochen zu werden, daß der
Kunst durch solche Anschauungen die Tore der Zukunft so gut
wie verschlossen wurden. In der Tat glaubten sich die An⸗
hänger der letzten Ausbildungen des Rokokos am Ende aller
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII I. 15