Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Zweites Kapitel. 
Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittel— 
baren Abwandlungen. 
Die Entwicklung der schönen Literatur in dem Jahr— 
hunderte des großen Krieges und die der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts verläuft als volles Gegenstück zur Entwick— 
lung der bildenden Künste. Auch hier im inneren Deutschland 
das Verlassen volkstümlicher Bahnen unter dem Untergang der 
alten bürgerlichen Grundlage des nationalen Geisteslebens und 
wirkliche Weiterbildung zunächst nur in den Niederlanden, aber 
selbst dort unter schließlich uberwiegendem Einfluß des gelehrten 
Humanismus; auch hier Einwirkungen der Renaissancekunst 
fremder Nationen, der Italiener und Franzosen vornehmlich, 
aber auch der Spanier, der Engländer; auch hier als innerste 
seelische Ursache des zunehmenden Unvermögens und schließ— 
lichen Absterbens die Auffassung, daß die Kunst lehr- und 
lernbar sei, da sie den Verstandeskräften der menschlichen Natur 
entquelle, und damit verbunden die Vorstellung, daß sie nur 
eine besonders ergötzliche Form intellektueller Betätigung sei. 
So setzt noch vor Anfang der Periode, schon im Jahre 1568, 
Nikodemus Frischlin nach dem Vorgange der Poetik Scaligers 
— 
schärfung sittlicher Lehren und Beispiele und in die vergnügliche 
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