228 Swanzigstes Buch. Zweites Lapitel.
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Ausbreitung nützlicher Einsichten und Kenntnisse, kurz in das
Docere cum delectatione. Denselben Standpunkt aber nimmt
auch noch Gellert gegen Ende des Zeitraums in seiner Fabel
von der Biene und der Henne ein:
Da fragst: was nützt die Poesie?
Sie lehrt und unterrichtet nie.
Allein, wie kannst du noch so fragen?
Du siehst an dir, wozu sie nützt:
Dem, der nicht viel Verstand besitzt,
Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen.
Ist so die psychische Grundlage der Entwicklung für die
Dichtung dieselbe wie für die bildenden Künste, so wird ein
Unterschied der beiderseitigen Entfaltung wesentlich dadurch
jerbeigeführt, daß die Dichtung den fremden Einflüssen verhältnis⸗
mäßig weniger Raum gestattete, jedenfalls aber bei ihr früher
und öfter als in den bildenden Künsten die nationale Grund—
lage wieder durchbrach. Die Künste, vor allem die in dieser
Periode immer mehr in den Vordergrund tretende Baukunst,
hängen vom Mäcenate der führenden Kreise ab; dies Mäcenat aber
heschränkte sich in diesen Zeiten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deut⸗
licher auf die ausländischen Beispielen nacheifernden Fürsten. So
war die Architektur unmittelbar und durchaus, die Malerei
und Plastik wenigstens mittelbar und vornehmlich auf fremde
Einflüsse hingewiesen. In der Literatur dagegen behielt die
wesentlich bürgerlich charakterisierte Gelehrsamkeit eine im Laufe
der Zeit eher verstärkte als abgeschwächte Bedeutung; auch die
Fürsten, soweit sie sich der Literatur annahmen, zeigten wesent⸗
lich bürgerlich-gelehrten Charakter: Bürgertum aber bedeutete
noch immer eine mehr volkstümliche Entwicklung. Erst in der
zweiten Hälfte des Zeitraums, seit Ausgang des 17. Jahr⸗
junderts, schieben sich dann einerseits die nunmehr vollem
Absolutismus entgegengehenden Fürsten mit einem zahlreichen,
jetzt fügsam gewordenen Adel so sehr in den nationalen
Vordergrund, wachsen anderseits die bürgerlichen Geschlechter
der großen Handelsstädte, Zürichs, Basels, Leipzigs, Hamburgs,
so sehr in neue, reichere, weitergreifende Verhältnisse empor,
daß das literarische Publikum, nun wesentlich aus großstädtischen