238 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
unerschöpfliche Schatzkammer für eine später folgende Periode,
die an der Hand der gesamten psychischen Disposition des
Zeitalters des Individualismus aus den Massen angehäufter
Tatsachen erst eigentlich die regelgebenden Lehren der Poetik
ableitete und, in einem mehr späteren Stadium, die so gefun—
denen angeblichen Regeln der Alten durch die Vernunft als
rein natürliche, zeit- und also auch wechsellose zu begründen
sich vornahm.
Ehe indes diese spätere Stufenfolge der Entwicklung ein—
trat, die in Frankreich in dem Werke Boileaus gipfelte, hatte
sich die Poetik Scaligers schon die zeitgenössische Dichtung
unterworfen: zuerst die neulateinische allenthalben, die schon
deshalb die Disziplin einer Poetik suchen mußte, weil sie rein
künstlich blieb, dann aber auch die nationale Dichtung in
Frankreich und in den Niederlanden. Und hier eben lernte
Opitz die aus ihr belehrte Praxis zunächst aufs genaueste
kennen.
Indem er aber die Praxis der niederländischen Vettern
und in ihr die Renaissancepraxis überhaupt dem inneren
Deutschland in seiner „Poeterey“ zu vermitteln suchte, griff er
zur theoretischen Darstellung auf Scaliger und auf Ronsard,
dessen Lehren er schon in Heidelberg bewundern gelernt hatte,
zurück und verband deren Grundsätze, soweit sie ihm unter dem
Eindrucke der holländischen und seiner eigenen dichterischen Er—
fahrungen von Bedeutung zu sein schienen, zu dem Text der
rasch hingeworfenen Sätze seines Buches.
„Die Poeterey,“ führt er hier nach Ronsard aus, „ist an—
fangs nichts anders gewesen als eine verborgene Theologie
und Unterricht von göttlichen Sachen. Denn weil die erste
und rauhe Welt gröber und ungeschlachter war, als daß sie
hätte die Lehren .. recht verstehen können, so haben weise
Männer sie .. in Reime und Fabeln .. verstecken und ver—
bergen müssen.“ Das Intellektualistische, Rationalistische des
Zeitalters tritt hier offen zutage: die Dichtung ist Mittel der
Belehrung. Diese Tatsache soll aber durch die gewählte Form
oerborgen bleiben: die Poesie ist der Form nach eine schöne