Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 241 
eine früher wenig gekannte Ruhe, die geistigen Aufschwung 
begünstigte; und in den Städten speziell kam es noch zu einem 
reichen Nachleben der Kultur des 16. Jahrhunderts. Dazu 
stellten sich gewisse Wirkungen des neukatholischen Aufschwungs 
und protestantische Einflüsse aus Holland ein, um die Lage 
grade für die Entwicklung der Literatur noch günstiger zu ge— 
stalten. Und so sieht man denn, ein äußeres Zeichen zunächst 
des Aufschwungs, die deutsche Bücherproduktion beträchtlich 
steigen. Literarisch aber erhob sich eine erste Renaissance 
lyrischer Dichtung von rein praktischem Charakter, die ohne 
allzuviel Federlesens und Grübelns über dichterische Theorien 
alsbald weltmännischen Zielen nachstrebte. 
Hauptvertreter dieser Bewegung waren Weckherlin, Werder 
und Hoeck: kühne, phantasievolle, dabei zugleich höfische und ge— 
bildete Geister. Und Schauplätze waren namentlich die Höfe 
von Stuttgart und Heidelberg; denn hier besonders waren 
Kavalierton und vornehmer Schäfergeschmack zu Hause. 
Württemberg war seit Ende des 15. Jahrhunderts, nach— 
dem ihm 1498 die Grafschaft Mömpelgard zugefallen war, ein 
Vermittlungsland französischen und deutschen Wesens geworden. 
Aus diesem Zusammenhange ging Georg Rudolf Weckherlin 
(1584 1651, seit 1620 als Agent der Protestanten in London 
dem deutschen Geistesleben so gut wie ganz entzogen) hervor. 
Früh in Paris von Bewunderung für Ronsard und seine 
Schule erfüllt, längere Zeit am Hofe des besonders stark fran— 
zösierenden Herzogs Friedrich, wenn auch metrisch noch an Lob⸗— 
wasser anknüpfend, war er einer der frühesten weltmännischen, in 
strenger Entfernung vom Volke dichtenden Poeten: 
Ich schreibe weder für noch von allen, 
Und meine Verse, kunstreich und wert, 
Sollen nur denen, die gelehrt, 
Und (wie sie tun) weisen Fürsten gefallen. 
Aber das hinderte Weckherlin, eine kraftgenialische Natur, 
nicht, frisch und keck und in der Form überschäumend bis zu tollem 
Bombaste dareinzufahren: was wäre unter günstigeren Um— 
ständen von ihm zu erwarten gewesen! Als Festordner und 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 16
	        
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