244 Swanzigstes Buch. Zweites Napitel.
man wollte auch seinerseits teilnehmen an der Entfaltung ver—
geistigten Daseins. Man fühlte sich zugleich verpflichtet, dieses
Dasein national zu gestalten; man trat zu der Verderbnis
des Wortschatzes der Sprache in Gegensatz, wie sie seit der
Renaissance so furchtbar eingerissen war. Man wünschte aber
zugleich durch das Vorbild der Alten die Dichtung in der
eigenen Sprache zu heben. Und so gingen denn konservative
und fortschrittliche Ideen, Biedersinn und Pedanterie miteinander
vor allem aber glaubte man an die Allheilkraft eines patriarcha—⸗
lischen Absolutismus selbst auf diesem Gebiete.
Natürlich wurde wenig erreicht. Zwar blühte speziell die
Fruchtbringende Gesellschaft unter der Teilnahme der höchsten
Stände etwa ein halbes Jahrhundert, doch kam man über ein
Spiel mit ernsten Dingen kaum hinaus; und barocke Namen⸗
gebung, Aufsuchen von Devisen, Herrichtung von Medaillons,
Zeichnen und Malen von Wappen nahmen ein qgut Teil von
Zeit und Beschäftigung in Anspruch.
Im ganzen waren daher die Versuche, der deutschen
Literatur mehr von außen her aufzuhelfen, mochten sie nun
genossenschaftlich betrieben werden oder auf gelegentliche indi—
oiduelle Unterstützung selbständiger, dichterischer Bestrebungen
hinauslaufen, schon um 1620 nicht eben sehr aussichtsvoll;
selbst unter den bestehenden, an sich überaus günstigen Um—
ständen zeigte es sich, daß das Mäcenat jeglicher Form ohn⸗
mächtig ist gegenüber dem innersten und selbstherrlichen Ver⸗
laufe der Phantasietätigkeit eines großen Volkes.
Was schließlich förderte und klärte, war die Tätigkeit
eines einzelnen, der das immanente Ziel der Entwicklung deut⸗
lich verkörperte. Im Jahre 1624 erschien Opitzens „Poetik“,
im Jahre 1625 kamen Opitzens Gedichte heraus, die nach der
neuen Theorie bearbeitet waren: seitdem gab es der Hauptsache
nach nur noch einen Führer auf dem steilen Pfade der
Renaissancedichtung: Opitz.
Opitz war ein Schlesier: er stammte aus dem damals
vielleicht reichsten Kolonialgebiete des deutschen Ostens.
Welchen Eindruck einer üppigen äußeren Kultur dieses Landes