Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 245
für das 16., ja auch schon für das 15. Jahrhundert erhält
man noch heute, wenn man das reiche Altertumsmuseum in
Breslau mustert! Aber auch geistig standen diese Gebiete
hoch; es ist kein Zufall, wenn sie Ursprungsland und
zum großen Teile auch Schauplatz der Literaturblüte ge—
wesen sind, die von Opitz über die Gryphius, Logau, Hof—
mannswaldau hinweg bis auf Günther währte. Denn im
Lande lagen stolze Städte, von denen aus ein aristokratisches
Bürgertum, in ausgezeichneten Mittelschulen erzogen, über die
Slawen des platten Landes geistig gebot; manch Gelehrtendasein
hob den Ruf namentlich Niederschlesiens; und die Höfe zeichneten
sich neben alter Roheit der Lebensführung durch einen reinen
Renaissancekult aus, auf dessen starke Dauer der glänzende
Aufschwung der polnischen Renaissancedichtung, der so gefeierte
Dichter wie früher die Brüder Kochanowski, jetzt Sarbieski
angehörten, nicht ohne Einfluß gewesen sein mag.
Opitz, aus solcher Umwelt hervorgegangen, war ein wesent—
lich formales Talent, eine nicht viel über das Mittelmaß
hinausragende, aber wohltemperierte Kraft von ungewöhnlicher
Fähigkeit literarischer Organisation und sprachlicher Form—
gebung. So war er, kein eigentlich pathetischer Bahnbrecher,
wie geschaffen zur Vereinigung und wirkungsvollen Ausprägung
verschiedener, im einzelnen schon weithin gepflegter Tendenzen.
Und er ist dieser Aufgabe nicht bloß, wie wir schon wissen, in
der Theorie, sondern auch praktisch, als Dichter, gerecht geworden.
Denn auch hier blieb er vor allem der klare und verständige
Befolger und Verbreiter der Vorschriften seiner Lehre. Seine
Dichtung ist gleichsam palladieske Poesie mit einigen noch mäßigen
Schattierungen ins Barock: Formgebung in dieser Richtung bei
leidlicher Gleichgültigkeit gegen den Inhalt blieb der Kern
seines Wirkens. Es fehlt also das Pathos, die hinreißende Rede
der Leidenschaft, das Gemüt, die Anschauung von innen heraus.
Die Dinge sind nicht von ihrem Kern her durchleuchtet, sondern
von außen wiedergegeben: darum kein Temperament hoher
Spannung, kein persönliches Licht, keine Dämmerung und kein
Zwielicht: alles erscheint in gleichsam unpersönlicher, ebenmäßig