Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 249
dünnt, gleichwohl das dichterische Fluidum der Gedanken immer
wieder durchleuchtet, ihres Eindruckes nicht verfehlen. Aber
man wendet sich doch gleichzeitig ab von den barocken Ver—
kleidungen des Heilandes in einen Schäfer oder gar in eine
Daphnis, die vom Monde beklagt wird; man wird den lang—
atmigen Gesang über das Fece homo nicht neben Paul Ger—
hardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ hören wollen, und
man befreundet sich nur ungern mit einer abgeschmackten
Jesulein⸗Poesie als Vorläuferin Zinzendorfscher Einfälle. Und
so wird man, über die barocke Form hinaus, bisweilen beinahe
selbst an den Gefühlen eines Mannes irre werden, dem hysterische
Überspanntheiten nicht gänzlich fernblieben.
Einen viel gewaltigeren Ausdruck jedenfalls als bei Spee
fand der mystische Neukatholizismus, hier gradezu zur dichte⸗
rischen Theosophie erweitert und außer von italienischen auch
von spanischen Renaissanceelementen getragen, bei Johann
Scheffler aus Breslau, dem Angelus Silesius (1624 -1677).
Scheffler, ursprünglich Protestant, 1648 in Padua zum Doktor
der Philosophie und Medizin promoviert, trat 1652 zum
Katholizismus über. Im Jahre 1657 erschienen die wunder—
baren Sprüche seines „Cherubinischen Wandersmanns“:
Ich trage Gottes Bild: wenn er sich will besehen,
So kann es nur in mir, und wer mir gleicht, geschehen.
Ich selbst muß Sonne sein, ich muß mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen ...
Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse ...
Die Schrift ist Schrift, sonst nichts. Mein Trost ist Wesenheit,
Und daß Gott in mir spricht das Wort der Ewigkeit.
Freilich: neben dieser tiefsinnigen Theosophie stehen bei
Scheffler die schlimmsten Auswüchse der derben zeitgenössischen
Lebensauffassung, und gelegentlich stört auch ein Bombast der
Form, der an Geschmacklosigkeit nicht leicht übertroffen werden
kann. —
Abgesehen von der Entfaltung in den bisher geschilderten
Richtungen wurde die Opitzsche Reform vor allem in Mittel—