250 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
und Norddeutschland wirksam, um so mehr, als sie hier, auf
geschlossenem protestantischen Boden, gleichwie in den bildenden
Künsten die holländisch-calvinistischen Einflüsse gegenüber den
italienisch-katholischen überwogen hatten, so durch nieder—
ländische Einflüsse unterstützt und dadurch trotz barocker Über—
ladenheit der Form langsam zu einer gewissen nüchternen Ver⸗
ständigkeit des Inhaltes abgeklärt wurde. Dabei knüpfte sich
hier, wie im Süden, die regelmäßig fortlaufende Entwicklung
vornehmlich an die großen Städte; und wie im Süden Straß⸗
—D regelmäßige
Träger der Renaissancedichtung zu nennen gewesen waren,
während die Territorien, am spätesten die Schweiz, erst nach⸗
folgten, so waren es in Mittel- und Norddeutschland die da⸗
mals reichsten Städte Leipzig und Hamburg.
In Leipzig gedieh vor allem das leichte Lied der Liebe
und des Gelages; der Thüringer Homburg (1600- 1681)
kennt da schon die frohesten Töne; Schwieger (etwa 1630 -61),
Schirmer (1623 —-82) und andere schlagen dann eine Bahn ein,
die schon zu Anakreon und den späteren Weisen eines Gleim
und seiner Nachfolger zu führen beginnt; bis Schoch, ein Leip⸗
ziger Kind, der Dichter der drastischen Komödie vom Studenten⸗
leben (1657), die Gruppe vollendet: er kann recht derb sein
und in „Saufliedern“ bisweilen sogar realistische Züge zeigen;
im allgemeinen aber ist er der typische „Fettschwätzer“, und
seine Phantasie sucht in Schäfereien und schönen Gärten die
üblichen Figuren auf, Venus und Amaruyllis mit Adonis und
Seladon.
Im Norden, in Hamburg und sonstwo, ist der Ton trockner
und ernster; in Königsberg dichtet der Professor Simon Dach
(1605-59) außer seiner plattdeuts ch⸗volkstümlichen „Annke von
Tharau“ in jungen Jahren auch sonst manch frisches Lied, bis er
später langweilig wird; hier und da umgetrieben, einer
unserer frühesten Schriftsteller, die vom Berufe leben wollen,
ohne es zu können, bringt Philipp von Zesen aus Priorau bei
Dessau (1619—89) seine originellen Verse an den Mann und
erregt durch seine verschrobenen Sprachneuerungen Gelächter;