Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Strafe kam im Dreißigjährigen Kriege. Das furchtbare Elend
dieser drei Jahrzehnte vollendete, was die unglückliche wirt—
schaftliche und politische Entwicklung des 16. Jahrhunderts
vorbereitet hatte; jetzt klagte man wohl herzzerreißend von dem
„calamitosen Zustand unsers lieben Vaterlandes“ und sprach
von Deutschland als der modernen Arabia deserta; und als
die von Millionen Lippen erschallende Bitte um Frieden endlich
erfüllt war, da zeigte sich ein Ruin in jeder Richtung der
Kultur, und der politische Zusammenhang erschien durch eine
Verfassung kompromittiert, welche Friedrich der Große mild als
„erlauchtz⸗Republik von Fürsten mit einem gewählten Ober—
haupt an der Spitze“, Hegel richtiger als „konstituierte Anarchie“
gekennzeichnet hat!.
Indes dies entsetzliche Ergebnis galt nicht in gleicher
Weise für allen deutschen Boden. Es ist eine fundamentale
Erscheinung der deutschen Geschichte, daß die atlantischen Ge—
biete sich dem Verfall, der Depression gleichsam der Kultur
im allgemeinen entzogen haben: so die Niederlande und an der
Nordseeküste im engeren Sinne besonders Hamburg. Hier
erhob sich, am stärksten und wichtigsten in den Niederlanden,
als einzige vollwichtige Fortsetzung der binnendeutschen bürger—
lichen Kultur des 14. bis 16. Jahrhunderts jene wunderbare
Blüte des Handels, der Kunst, der Wissenschaft, die vornehm—
lich das 17. Jahrhundert erfüllte, und die wir, soweit Hamburg
in Betracht kommt, in ihrem enger begrenzten Verlaufe noch ein—
gehender werden kennen lernen?.
Indem aber am Weltmeere das Niveau der Entwicklung
nicht sank, sondern in Erhebungsvorgängen verharrte, die den
früheren Verlauf der gemeindeutschen Entwicklung im ganzen
geradlinig fortsetzten, trat von diesen Stellen, und namentlich
von den Niederlanden her, eine so tiefe und gewaltige Be—
einflussung der zurückbleibenden deutschen Binnenkultur ein, wie
Vgl. dazu Bd. VI, S. 8339. J
2 S. unten im zweiten Kapitel dieses Buches Nr. III, 1. über die
Niederlande vgl. schon Bd. VI, S. 16 ff. 87 ff. 68 ff.