Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 25]
an der Niederelbe dagegen reimt der Nebenbuhler und Gegner
Zesens, Johann Rist aus Ottensee (1607 -67), der „Sing⸗
schwan“ und Pfarrer zu Wedel an der Elbe, und begründet, dem
Hamburger Leben durch den Opernton einiger seiner Schöpfungen
verwandt, in rühriger Eitelkeit im Jahre 1667 die poetische
Genossenschaft des „Elb-Schwanen-Ordens“ nach berühmten
Mustern. Über diese Flachgründe der Poesie aber, in denen
die Renaissanceform nur zu oft die gänzliche dichterische Leere
des Inhalts verdeckt und schon früh die schweren Schäden
jeder importierten Dichtungsweise: Gemachtheit, Unwahrheit
und demgemäß Nüchternheit oder Bombast, enthüllt, heben sich
zwei wahre Dichter hoch hinaus: Paul Fleming und Paul
Gerhardt.
Fleming, 1609 zu Hartenstein im Vogtlande geboren,
Mediziner, in jungen Jahren weit, in der Welt erfahren,
starb in dem Augenblicke, da er sich in Hamburg als Arzt
niederlassen wollte, im April 1640. Er war aus dem Leip—
ziger Kreise hervorgegangen; aber als ein Dichter, der nur sang,
wenn ihm die Muse gebot, und darum vornehmlich Gelegenheits⸗
dichter, sprengte er die engen Fesseln der Liebes- und Trink—
poesie und erfüllte seine Kunst mit reichem Gedankeninhalte
bei eng geschürzter Darstellung und einer durch regste An—
schauung gestärkten Plastik des Ausdrucks. Gewiß steht auch
er innerhalb der Schranken einer halb fremden Form, die
klassische Mythologie verläßt auch ihn selbst im Zuge der Be—
geisterung nicht, und mit inniger Verehrung hat er Opitzens
gedacht. Aber er füllt diese Form ganz aus; und in wort—
reicher Zeit ziert ihn die altnationale Gabe dramatischer
Schlagkraft. So wirken seine Dichtungen noch heute lebendig,
nunter und schwungvroll, und die fremde Form adelt und
zügelt seinen Genius mehr, als daß sie ihn unterdrückte. Wie
herrlich ist nicht der Zyklus von Gedichten, den er einer un—
glücklichen Liebe fern von der Heimat in Reval geweiht hat!
Wenn auch nicht gleich geschlossen, ist dieser wohl dem ersten Ge—
dichtkranz in Heines „Buch der Lieder“ zu vergleichen. Frei⸗—
lich: bei Liebeskummer in beiden Fällen welch Unterschied der