252 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Wiedergabe von Charakter und Stimmung! Was aber die
Lieder Flemings über seine sonstige Poesie hinaushebt, das ist
die Wärme persönlichsten Erlebnisses. So tritt die Rhetorik
noch um einen Schritt weiter zurück, die Form wird noch ge⸗
drungener; Natur und Volkstum stehen als gute Feen an
der Wiege von Gedichten, die in den höchsten und gespanntesten
Daseinsmomenten des Sängers die Empfindungswelt eines
späteren Zeitalters vorwegnehmen.
In gleichem, wenn nicht noch in höherem Maße aus—
gleichend, ja zu wahrhaft klassischer Formenschönheit erziehend
wirkte der stille Einfluß der Renaissancepoetik auf Paul Ger—
hardt aus Gräfenhainichen bei Wittenberg (1606 - 1676), den
überzeugungstreuen Diener der rein lutherischen Lehre. Mag er
sich in Übersetzungen der erhabensten Erzeugnisse christlicher
Dichtung ergehen, mag er seinen eigenen Empfindungen in der
stillen und kleinen Welt seines Heims freien Lauf lassen oder
der Stimmung abendlichen Ergehens in dem weiten Flachland
seiner Heimat Worte leihen: stets bewundern wir die getragene
Kraft, die maßvoll gezügelte Phantasie, den offen⸗getragenen Sinn
für jederlei Schönheit; und der Eindruck der ruhigen Wahrheit
und satten Fülle schlägt uns entgegen aus einer Zeit, für die
unwahrhaftiger Schwulst charakteristisch war.
3. Überschaut man nach alledem die Lage des deutschen
Parnasses etwa ein oder zwei Generationen nach der Einführung
der Neuerungen der Renaissance, so ergibt sich ein immerhin
sonderbares Bild: ein Volk von kleinen Dichtern gemachter
Form und stetig abnehmenden inhaltlichen Ernstes: und über
ihnen in beiden Konfessionen einige große Dichter fast durchweg
besonders religiöser Anlage. Ist es recht, zu folgern, daß den
Dichter der Zeit denn doch vor allem noch das fromme Gefühl
ausmachte als das erhabenste aller Gefühle dieser Jahrhunderte
und nicht das noch so sichere Leben in der neuen, angeblich
klassischen Form? Der Schluß scheint berechtigt für eine Zeit,
da einer sonst nicht besonders hervorragenden Dichterin, wie