Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

38 Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
gut patriarchalisch regieren im Sinne des Neuen Testamentes, 
dessen Inhalt sie theologisch gelehrt oder wenigstens bibelfest 
beherrschen: Männer, die vom französischen Alamodetum nichts 
wissen wollen und ihm wo möglich ein ausgesprochenes Teutsch- 
tum entgegensetzen. Und neben ihnen stehen noch Hausehren 
alten Schlages, Frauen, die sich grober Etikettenverstöße wohl 
noch mit einer Ohrfeige erwehren, originell, voll guten 
Humors, nach Art der Liselotte von Orléans, die von Versailles 
nach Hause schreibt: „Ich habe noch allzeit ein deutsches Herz 
und Gemüte.“ 
Allein in die alten Züge mischen sich immer mehr neue. 
Man treibt wohl noch zu Festeszeiten den alten Mummenschanz, 
die Inventionen und Ringelstechen des 16. Jahrhunderts sind 
noch nicht gänzlich abgekommen und werden durch feste Bankette 
und ausschweifende Zechereien unterbrochen. Aber daneben 
zeigt sich doch auch schon die Freude an Oper und Schauspiel 
und an feinerer Repräsentation höfischen Wesens, hier und da 
auch ein gesunder Sinn für die Freuden der Kunst und der 
wissenschaftlichen Belehrung. Vor allem aber dringt langsam 
das französische Herrscherbewußtsein als eine stetige Lebenszutat 
in diese fürstlichen Kreise: man beginnt auf estime, auf 
splendeur und lustre zu halten. Das um so mehr, als auch 
die heimische Verfassungsentwicklung auf die Entfaltung der 
absoluten Monarchie hindrängt, wenn man sich auch noch nicht 
leicht zu der Gesinnung der Worte des Hamburger Komponisten 
Matthison an den Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen verstieg: 
„Wenn Gott nicht wäre, wer sollte billiger Gott sein, als Eure 
Hochfürstliche Durchlaucht?“ 
So wuchs denn das Hofleben als Ausdruck der Steigerung 
fürstlicher Macht ins breite, — und es wuchsen seine Kosten. 
In Kursachsen hatte Christian II. (f 1611) den Hofaufwand 
noch mit etwas über 83000 Gulden jährlich bestritten; schon 
sein Nachfolger Johann Georg II. (7 1656) brauchte 400 000 
Gulden. Was bedeuteten aber diese Summen gegenüber denen, 
die im 18. Jahrhundert, etwa unter August dem Starken, 
verschwendet wurden! Und diesen Ausgaben trat kein moralisches,
	        
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