Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 257 
gehaltene Poesie sich werde entwickeln können; und in der Tat 
hat die Art Canitzens in diesem Sinne auf einige Dichter, 
z. B. Benjamin Neukirch, den Lohensteinianer, veredelnd ge— 
wirkt. 
Allein das Vorbild selbst, Frankreich, hielt sich nicht auf 
entsprechender Höhe. Der großen Zeit Ludwigs XIV. folgten 
Jahrzehnte des Verfalls ins Süßlich-Gemachte, Blendend-Ge— 
leckte: und dieser Entwicklung lief die der deutschen Dichtkunst, 
soweit sie sich in den sozialen Voraussetzungen der französischen 
Poesie bewegte, parallel. Es sind die Zeiten der verstandes— 
mäßigen Hofdichter, eines Besser (1654451729) am Berliner, 
König (16868—21744) am Dresdner, Heräus (1671 —1780) am 
Wiener Hofe. 
Gewiß hat Heräus einmal ausgeführt: „Die edle poetische 
Entzückung müsse in keinen Rausch, noch in eine verrückte 
Phantasei verunarten. Das wahre Hohe oder sogenannte 
Sublime bestehe auch nicht in schwulstigen Worten, noch in 
überhäuften Zieraten, noch in verwirrten Empfindungen.“ 
Und wenn er dann zusetzt: „Die wahre Bildung sei die Seele 
der hohen Schreibart in dem Leibe einer neuen, kurzen und 
netten Ausrede“, so wird man auch mit diesem Ausspruch noch 
mitfühlen. Allein entsprach dem die Dichtung dieser Hof— 
voeten und vor allem der norddeutschen? Was uns entgegen⸗ 
tritt, ist leere Zeremoniendichtung, Gewäsch eines schalen 
Prunkes, kriecherische, kalte Rhetorik, zwischen deren aus— 
gedehnten, nicht ausempfundenen Sätzen noch immer wieder die 
alte Roheit, die Unanständigkeiten mit Scherzen verwechselt, 
ein Erbteil des sittlichen Empfindens der höheren Klassen des 
17. Jahrhunderts, hervortritt. Auf diesem Wege konnte auch 
einer verstandesmäßigen Poesie nicht geholfen werden. 
Aber inzwischen begann sich für die Einführung des fran— 
zösischen Geschmackes, dessen Gedankensystem in Frankreich selbst 
im Beginn des 18. Jahrhunderts, nach dem Tode auch des 
letzten großen Dichters, Racine (4 1699), noch immer mehr 
entwickelt wurde, ein bedeutungsvoller Umschwung zu voll— 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 17
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.