Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

260 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
tiefstes Pathos erfüllte sie: da rangiert mancher Verfasser der 
zahlreichen Flugschriften der Zeit mit Hutten und Luther; statt 
der leicht plänkelnden Charakteristik des späteren Mittelalters 
hatte sich ein Kampf der Geister auf Leben und Tod entsponnen. 
Diese Höhe war dann freilich schon in der zweiten Hälfte 
des 16. Jahrhunderts nicht aufrechterhalten worden, zu einer 
Zeit, in der sich erst recht die Satire aus der realistisch ge— 
wordenen Charakteristik vollendeter hätte entwickeln müssen. 
In der bilderreichen, aber für das Größte gestaltungsunfähigen 
Phantasie Fischarts überstürzten sich noch einmal die alien 
satirischen Elemente, aber der innere Anteil war geringer, die 
öffentlichen Vorgänge in Kirche und Staat gaben den packenden 
Stoff von ehedem nicht mehr ab, wenn auch Fischarts 
Jesuitenhaß als ebenso echt wie freilich durch die große, 
hinter ihm stehende Partei der Protestanten gedeckt erscheint, 
und stofflich wird seine Satire schon von fremder Phantasie 
— Rabelais — abhängig. 
Trotzdem war das Ganze noch nicht verloren; immerhin 
wurde eben zu Fischarts und nach Fischarts Zeiten der ent—⸗ 
schiedene Fortschritt zum komischen Epos gemacht; und große 
nationale Ereignisse hätten auch die aktuelle polemische Satire 
wieder aufleben lassen können. 
Aber nahten solche Ereignisse mit dem 17. Jahrhundert? 
stonnte das Zeitalter einer angehenden absoluten Monarchie 
und einer verknöchernden Kirche der publizistischen Satire 
frommen? Oder die Stagnation, ja Rückbildung der Gesell⸗ 
schaft der sozialen? Schon die äußeren Bedingungen für 
Fortleben und Weiterentwicklung der alten nationalen Spott⸗ 
und Besserungssucht fehlten. Und so sehen wir im ganzen 
nur Verfallserscheinungen trotz der Anstrengungen mancher per⸗ 
sönlich bedeutenden Kraft. 
Bezeichnend aber ist es, daß die wenigen noch erwähnens⸗ 
werteren Satiriker des 17. Jahrhunderts fast alle fern von den 
modernen poetischen Renaissancebestrebungen dieser Zeit, wie sie 
in Mittel- und Süddeutschland besonders zu Hause waren, und 
vornehmlich auf niederdeutschem Boden erwachsen sind. Hier
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.