Metadata: Neueste Zeit (Abt. 3)

Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
und auch ihrerseits lebenskräftig, immer breitere Schichten, die 
noch ein Leben psychischer Vergangenheit führen, und zwar 
einer um so weiter zurückreichenden Vergangenheit, je breiter 
sie zu sein pflegen: bis im Fuße der Pyramide Schichten zu⸗ 
tage treten, deren Leben seelisch teilweise noch urzeitlich anmutet, 
deren wirtschaftlicher Beruf der Regel nach noch im einfachen 
Ackerbau, wenn nicht gar in den okkupatorischen Tätigkeiten etwa 
der Jagd oder der Viehzucht aufgeht. 
Geschichtliche Darstellungen, die dem Entwicklungsgange 
einer großen menschlichen Gemeinschaft gewidmet sind, haben 
sich mit den Schicksalen dieser unteren breiten Schichten im 
Beginne eines neuen Kulturzeitalters der Regel nach — es sei 
denn, daß diese Schichten gegen das Neue in offenen Gegen— 
satz träten — weniger zu beschäftigen; so lange es sich um 
die uranfängliche Entwicklung neuer Trieb— und Urteils— 
formen, neuer Phantasietätigkeit und neuer sittlicher Haltung 
handelt, treten diese Schichten noch nicht mit in Aktion; die 
Kreise der oberen Bewegung erreichen ihre Tiefen noch nicht 
oder nur streifend; und ihr besonderes Leben bedarf keiner 
ausdrücklichen Schilderung, da diese in der Darstellung früherer 
Kulturzeitalter der Nation in ihren wesentlichen Zügen schon 
gegeben ist. So hat der deutsche Bauer auch der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts der Hauptsache nach und vor 
allem in seiner seelischen Haltung noch das Dasein seiner 
Vorfahren des späteren Mittelalters gelebt; so wich auch die 
seelische Existenz des einfachen Handwerkers dieser Zeit in 
vielen Punkten nicht allzu stark von der der Zünfte des 14. 
bis 16. Jahrhunderts ab; und auch der Adel, soweit er nicht 
der neuen subjektivistischen Bewegung nahetrat, deren Träger doch 
wesentlich das höhere Bürgertum war, erinnerte in zahlreichen 
seiner Daseinszüge noch an die Ahnen mittelalterlicher Zeiten. 
Dies Bild der Lage, wie es soeben nur grob gezeichnet 
ist — denn in Wahrheit sind im Leben der weniger aktiven 
Stände immer gewisse Differenzen gegenüber der Vergangen— 
heit da, die jede monographische Darstellung eines bestimmten 
Zeitalters sorgsam zur Anschauung bringen muß —: es
	        
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