Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

266 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
mehr englisch, sondern deutsch, wie sie denn auch vielfach deutsche 
Nachahmer fanden. 
Dabei blieben sie aber in der Fremde naturgemäß, auch 
wenn sie ihre Stücke in Übersetzungen spielten, vornehmlich auf 
die Schaulust des Publikums angewiesen. Und dem entsprach 
es, wenn in ihren Stücken vor allem die Handlung im 
verwegensten Sinne des Wortes, die Staatsaktion, der Aufzug, 
die Schlacht, die Prügelei, die Hinrichtung, noch mehr fast als 
in der englischen Heimat eine Rolle spielte. Schon dies, dazu 
die selbst für deutsche Ohren manchmal zu starke Unfläterei — 
charakteristisch ist, daß bis über die Mitte des 17. Jahrhunderts 
alle Frauenrollen von Männern gespielt werden mußten — gab 
ihren Darbietungen noch etwas sehr Rohes. Dazu kam, daß 
sie bei dem alten Zusammenhange ihres Berufes mit dem 
Jongleurwesen jedem Bedürfnis in dieser Richtung aufs beste 
nachkamen: Fechten, Tanzen, Springen, kurz Clownkunst 
brachten sie mit aus England herüber, und diese setzte sich nun 
auf weit über ein Jahrhundert auf der deutschen Bühne fest. 
Schon Ende des 16. Jahrhunderts konnte daher ein herber 
Kritiker dem Publikum vorwerfen, es gehe nicht wegen der 
lustigen Komödie ins Theater, sondern wegen der Possen des 
Narren und wegen des Springens in glatten Hosen. 
Gewiß wirkte also in vielen Beziehungen der Einfluß der 
Engländer nicht eben veredelnd. Allein war das deutsche 
Publikum denn viel anderes gewöhnt? Was man schließlich 
auch vom deutschen Drama verlangt hatte und verlangte, das 
war Mordspektakel für die Posse und grausamste Nerven⸗ 
erregung im Trauerspiel: hat doch Vossius ganz ernsthaft den 
Vorschlag gemacht, man möge für die Hinrichtungen auf offener 
Bühne wirkliche Verbrecher benutzen, und war es selbstverständ⸗ 
lich, daß bei Stichen auf der Bühne wirkliches Blut oder 
wenigstens rote Farbe aus Schweinsblasen fließen mußte. 
Wirkten also in dieser Hinsicht die Engländer wenn gewiß 
nicht veredelnd, so doch auch nicht übermäßig schädlich, so 
bleibt noch die allgemeine Frage zu stellen, inwiefern sie der drama⸗ 
tischen deutschen Kunst in ihrer kritischen Lage die wünschenswerte
	        
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