Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 269 
per musieca, die früheste Oper, entwickelt, und diese hatte von 
Florenz, wo Doni als ihr Theoretiker aufgetreten war, seit 
Ende des 16. Jahrhunderts ihren Triumphzug durch das ganze 
zivilisierte Europa angetreten!. 
Da hatten ferner die Niederländer aus den großen Renaissance— 
bestrebungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts heraus 
—D 
neuern versucht?: und darum hatten sie, wenn auch nicht auf 
Sophokles, sondern auf Seneca gestützt und wenn auch unter 
aufgeblasenem Bombast der Sprache und manierierter Über— 
treibung der Handlung, die Chöre nachgeahmt und die Schicksals⸗ 
idee der Alten bis zur Einführung überirdischer Eingriffe wieder⸗ 
zubeleben gesucht. Dabei war ihnen in Vondel ein großer Dichter 
erstanden; und bald sollten holländische Schauspielertruppen 
nach dem Muster der englischen Deutschland aufsuchen und 
wenigstens in den Hansestädten günstige Aufnahme finden. 
Da begannen endlich die Franzosen jetzt eben, mit den 
Jahren ihrer großen nationalen Renaissance, eine besonders 
selbständige Verarbeitung der antiken Einflüsse. Sie waren 
geneigt, das religiöse Element des antiken Dramas und damit 
alles Musikalische und Chorhaft-Opernhafte, das aus der Bei⸗— 
behaltung des religiösen Elementes hervorging, auszuscheiden; 
sie fingen an, den Chor zu beseitigen und durch den Vertrauten 
oder die Vertraute zu ersetzen: und so ergaben sich ihnen die 
ersten Umrisse ihres reinen klassischen Rededramas, und alles 
erschien klar, plan, vereinfacht und der Bühnenkunst ihre Auf— 
gabe in jedem Sinne erleichtert. 
Vermochte nun die deutsche Dramatik, in ihrem tiefen 
nationalen Verfalle, gegenüber diesen Strömungen eine selb⸗ 
ständige Stellung zu gewinnen? In keiner Weise war davon 
die Rede. Und da sie sich der Anfänge der französischen Ent— 
wicklung nur in Einzelheiten bemächtigen konnte, so fiel sie 
1Vgl. dazu Bd. VI, S. 225 f. 
2 S. Bd. VI, S. 255 ff.
	        
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