Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

270 Zwanzigstes Buch. Zweites Lapitel. 
italienischer und niederländischer Einwirkung anheim: wir er— 
hielten niederländisches Renaissancedrama und italienische Oper. 
Der Hauptvermittler der niederländischen Dramatik war 
Andreas Gryphius (1616—64). Gryphius hat in seiner Jugend 
alle Leiden des Dreißigjährigen Krieges kennen gelernt; und mehr 
wie auf andern zeitgenössischen Dichtern, die freilich fast alle 
auch diesen Zug haben, lagert auf ihm die Schwermut der 
Zeit. So entquillen seinem Herzen, das das eines wahren 
und großen Dichters war, tiefe Klagetöne neben heiteren Weisen; 
ja seine Lyrik ist voller Todesgedanken. Und er gibt sich ihnen 
mit dem ganzen überstürzenden Pathos barocker, ja grotesker 
Formgebung hin, das ihm eigen ist. 
Ernst, leidenschaftlich, charaktervoll war er auch im Drama, 
auf das ihn seine Begabung besonders hinwies. Innerhalb der 
Wirksamkeit dieser Begabung aber wurde er vornehmlich von 
dem niederländischen Drama und in erster Linie wieder durch 
die Werke Vondels bestimmt: als er 1688 nach Leiden kam, 
hatte Vondel mit dem „Gijsbrecht van Amstel“ soeben seinen 
größten dramatischen Sieg errungen. Daneben ging Gryphius 
freilich auch auf Seneca, das Muster der Niederländer, zurück, 
wie ihm Einwirkungen der französischen Dramatik und der 
englischen Volksbühne nicht gefehlt haben. Allein diese Ein— 
wirkungen blieben doch nebensächlich: statt sich ihnen hinzugeben 
und ein deutsches Drama etwa im freieren Sinne der Fran⸗ 
zosen oder noch mehr der Engländer auszubauen, blieb er 
schließlich im Fahrwasser der niederländischen Landsleute, und 
seine Kunst erscheint im ganzen entwicklungsgeschichtlich nur 
als eine Fortsetzung derjenigen Vondels: seine „Gibeoniten“ sind 
geradezu eine Übersetzung von Vondels „Gebroeder“, seine 
„Katharina von Georgien“ ist Vondels, Maagden“ außerordentlich 
ähnlich, fast so wie sein, Papinianus“ Vondels „Palamedes“ — 
wie denn anderseits sein „Leo Armenius“ (vom Jahre 1646) ins 
Holländische übertragen worden ist. Gewiß war Gryphius 
dabei den Holländern an Abwechslung und Leben der Hand⸗ 
lung überlegen, wenn auch seine Dramen unserem Geschmacke 
noch in hohem Grade abspannend und handlungsleer erscheinen.
	        
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