Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Ubwandlungen. 273
so blieb auch noch das 17. Jahrhundert in dieser Richtung
verwaist. Und selbst noch im 18. Jahrhundert war die gram—
matische und syntaktische Verwahrlosung so groß, daß Glaffeys
„Anleitung zur weltüblichen Teutschen Schreibart“ um 1730 für
die Hauptsache den „wohlgefaßten Periodus“ erklären und zur
Erläuterung dieses Begriffs einen Satz von elf Seiten (7)
geben konnte, auf den sich der Verfasser noch dazu viel ein—
bildetel.
Was man in Betracht zog und zu reformieren suchte, das
war im ganzen nur der Sprachschatz. Und hier war allerdings
die Not am größesten.
Die neue Renaissancedichtung hatte alsbald zu einer Ent⸗
stellung durch „welsch geblasene“ Wörter geführt, die weit
über die Sprachmengerei der Humanistenzeit hinausging: man
war so weit gelangt, daß selbst der Druck durch den ewigen
Wechsel lateinischer und deutscher Buchstaben für einheimische
und fremde Wörter dem Auge unerträglich wurde. Vor allem
die Musterkarte der Wörter auf ieren, die sich so schön zum
Reim brauchen ließen, war unausstehlich; neben „exzellieren“ und
„transformieren“ standen, dubitieren“, „temporieren“ und tausend
andere. Galt das für die Sprache der Prosa und der Poesie
in gleicher Weise, so kam für die Dichtung noch ein anderer
Übelstand hinzu.
Erst seit Opitzens Poeterei war der ganze Olymp vollends
eingeführt worden. Zwar stießen sich die Frommen daran.
Allein auf sie wurde nicht Rücksicht genommen. Zwar empfahlen
die Deutschtümler dafür die nationale Mythologie. Aber
Philipp von Zesen scheiterte mit seinem Versuch, sie einzuführen.
Zwar klagte man laut über die Unverständlichkeit der vielen
mythologischen Namen und Beziehungen. Aber man erreichte
nur, daß man auf des Karl Stephanus und andrer Diktio⸗
narien verwiesen wurde. Kurz: der Olymp brach für länger
als ein Jahrhundert allbeherrschend in die Gebiete der deutschen
Dichtung ein; ja, während die Engländer seine Gestalten schon
1 Steinhausen 2, 44-65.
Lamprecht,. Deutsche Geschichte. VII. 1.