Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb Abwandlungen. 277
bischöflich Straßburgischer Schultheiß zu Renchen in Baden:
jener der Verfasser der „Wunderlichen Gesichte Philanders von
Sittenwald“, dieser der Dichter des „Abenteuerlichen Simpli⸗
cissimus“ (1669).
Gewiß schufen nun auch die Vertreter dieser Richtung
nicht ohne fremdes Vorbild. Aber dieses Vorbild war ihnen
kongenial, da es in seiner Entstehung ebenfalls auf einer
nationalen Reaktion gegenüber dem entnervenden, weil wesent-—
lich nur formalistischen Charakter der Renaissance beruhte, und
da es hervorkehrte, was die entwicklungsgeschichtliche Grund⸗
stimmung des deutschen literarischen Charakters auch noch im
17. Jahrhundert war: Humor und Satire.
In Spanien wurde im 17. Jahrhundert der nationale
Gegensatz gegen die hochtrabende Renaissance durch Hervor—
heben der Poesie der niederen volkstümlichen Schichten
künstlerisch verklärt; es war die Zeit, in der Murillo (1618 —82)
seine berühmten Bettelbuben schuf. Aber schon viel früher
war versucht worden, demselben Gegensatz literarisch einen un—
sterblichen Ausdruck zu geben. Um die Mitte des 16. Jahr—⸗
hunderts war mit Mendozas „Vida de Lazarillo de Tormes“
(1554) der Schelmenroman erblüht, der den Realismus der
Welt nicht unmittelbar dichterisch idealisierte, sondern in den
widerspiegelnden Lichtern des Humors und der Satire über—
legen brach. Und diese literarische Gattung war in Deutschland
bekannter geworden, ja hatte Aufsehen erregt, als der „Guz-
man de Alfarache“ Mateo Alemans (1599) im Jahre 1615
unter dem Titel „Landstörtzer Gusman von Alfarache oder Picaro
genannt“ in lesbarer Übersetzung erschienen war. Denn hier
zum ersten Male sah man, ganz abgesehen von dem literarischen
Charakter, einen Roman vor sich, der nicht bloß aneinander⸗
gereihte Episoden, Anekdoten, Lebensregeln, Wissensstoffe gab,
sondern ein größeres zusammenhängendes Lebensbild voller Ent⸗
wicklung zeichnete.
Inzwischen aber hatte sich aus dem Schelmenroman in
Spanien ein Doppeltes entwickelt: zunächst in entfernterem
Zusammenhang und vornehmlich von der satirischen Grund—