278 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
stimmung ausgehend, die satirisch-allegorische Schilderung, die
in den „Sueños“ (Träume; Moscherosch übersetzt: Visionen)
des Don Francisco de Quevedo y Villegas (1570 - 1647) den
gereiftesten Ausdruck gewann, und weiter und vor allem der
direkt satirische Roman. In diesem war besonders die
Hyperidealität der Amadisromane gegeißelt worden, die nirgends
mehr als in Spanien, dem Lande der überhitzten Mauren⸗
kämpfe, gesteigert worden war. Und in diesem Zusammenhange
hatte Cervantes, der den Zwiespalt zwischen den kriegerischen
Phantasien und der Wirklichkeit selbst hart genug mit durchlebt
hatte, seinen unsterblichen „Don Quixote“ (1605) geschaffen,
indem er der begrenzten Wirklichkeit den allgemeinen Gegensatz
zwischen überspannter Idealität und unbedingtem Realismus
unterlegt hatte. Der Roman war in Deutschland seit 1621 in
Übersetzungen bekannter geworden.
Diese spanischen Einflüsse wirkten nun zunächst auf
Moscherosch. „Nach ungefährer Anleitung“ des Villegas schrieb
er seine, Wunderlichen und wahrhaftigen Gesichte des Philander
von Sittenwald“, die zuerst einzeln, dann gesammelt erschienen,
satirische Skizzen über geistige und gesellschaftliche Krankheiten
seiner Zeit!: Betrachtungen, die sich in den besten Fällen zu
wunderbar realistischen und ergreifenden Schilderungen des
zeitgenössischen Lebens, so vor allem der Not des großen
Krieges erheben, und die häufig genug unmittelbar in den Er—
zählungston des Schelmenromans übergehen.
Ein reines Kunstwerk freilich hat Moscherosch in seinen
Visionen nicht geschaffen. Der Aufbau des Ganzen ist unüber⸗
sichtlich; und der literarischen Gattung fehlt es an vollkommen
festgehaltenem Guß und einheitlichem Charakter. Es sind An—
fänge satirisch-erzählender, ja satirisch-romanhafter Betrachtung
des Zeitlebens in gedrungener, dem Volkston abgelauschter,
chrlicher Prosa, die nicht sellen an Formen und Stoffe der Satire
Schergenteufel, Weltwesen, Venusnarren, Totenheer, Letztes Ge—
richt, Höllenkinder, Hofschule, Alamodekehraus, Hans-hinüber — Gans—
herüber, Weiberlob, Turnier, Podagra, Soldatenleben, Reformation.