Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 281
Allein in ihrer Zeit standen Grimmelshausen und auch Mosche—
rosch noch einsam da; und auch nach ihnen ist der Roman der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts keineswegs schon Träger und Aus—
druck des inneren seelischen Fortschrittes geworden: vielmehr zeigte
er wesentlich intellektuell-polyhistorischen Charakter und war in
erster Linie geographische und geschichtliche Kenntnisse zu ver—
mitteln bestimmt, wenn er nicht gar zum Klatsch- und Skandal⸗
roman hinabsank. Doch siegte auf deutschem Boden vornehmlich
die erste Art, als deren Hauptvertreter in früher Zeit Christian
Weise gelten kann; die literarische Gattung, die in Frankreich
durch das Fräulein von Scudéry und die La Fayette be—
rüchtigt ward, ist uns im ganzen erspart geblieben. Der ganzen
Lage gegenüber aber brachten erst die vierziger Jahre des
18. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung und zunächst auch
sie nur durch Übertragungen aus dem Gebiete des englischen
Familienromans; so ist Richardsons „Pamela“, die 1740 erschien,
bereits früh übersetzt worden; und die „Clarissa“ von 1745 ist
gar noch im gleichen Jahre auch auf deutsch herausgekommen.
Ehe aber diese neuen Erscheinungen auftraten, erstreckte sich
noch von Grimmelshausens „Simplicissimus“ bis fast zur Mitte des
18. Jahrhunderts eine weitere gewaltige literarische Oberströmung
der Renaissancedichtung, deren Poetik den Roman so gut wie
gar nicht kannte: die schweizerischen „Discourse der Mahlern“
haben ihn vom künstlerischen, Gottscheds Zeitschriften vom sitt⸗
lichen Standpunkte aus verworfen. Es ist die Periode, in der
dem literarischen Barock des Rokoko, dem pathetischen Schwulst
die graziöse Verständigkeit folgte.