284 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Am frühesten entwickeln sich nun diese Gärungen und
UÜbergänge zum Neuen hin in Hamburg; wenig später treten
sie vornehmlich in Leipzig und in den großen Städten der
Schweiz auf: bis schließlich Leipzig in Mitteldeutschland als
Zentrum des geistigen Lebens der Nation in dieser Zeit der
Hauptschauplatz der letzten Stadien der Umwälzung wird. Es
sind Stätten der literarisch⸗ musikalischen Bewegung, von denen
auch bisher schon öfter die Rede gewesen iste: bereits etwa
vom Beginn des 17. Jahrhunderts ab, wenn nicht hier und
da noch früher, lassen sich leise Anfänge der Rollen erkennen, die
fie vornehmlich um 1700 und in den nächstfolgenden beiden
Menschenaltern in der Geschichte des deutfchen Geisteslebens
gespielt haben.
Im Beginne der ganzen Bewegung aber macht sich vor allem
Hamburg bemerklich: denn hier hatte sich seit der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts die binnendeutsche bürgerliche Kultur
wohl am frühesten wiederum zu einer gewissen Höhe entfaltet.
Und wir wissen es schon: der Hauptgrund für dieses Erblühen
war in der Lage der Stadt an der Nordsee, noch leidlich nahe
den Hauptwegen des Welthandels, gegeben?. Eben diese Lage
aber brachte es dann auch mit sich, daß sich in Hamburg die
Einflüsse der nördlichen Niederlande besonders belebend äußerten.
Und sie wurden noch keineswegs als fremd empfunden. Der
in Hamburg wohlbekannte Paul Fleming konnte noch dichten:
Unsern Deutschen kann nicht gleichen
Bartas, Sidney, Saunazar:
Wenn Cats, Heins' und Opitz singen,
So will nicht das Fremde klingen.
Und noch im Jahre 1741 spielten holländische Schauspieler,
auf frühere Erfahrungen von Landsleuten gestützt, in Hamburg
holländisch und hofften auf volles Verständnis, denn:
Het Néer-en Plat-Duitsch is de modertaal en grond
Van't hooge Duitseh. dat hier gesproeken word in't rond.
S. 3. B. Bd. VI, S. 210 ff. und oben S. 46 f.
ꝰ Val. dazu Bd. VI, S. 14ff.