Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 285 
Unter so günstigen äußeren Verhältnissen war denn auch 
die innere Hamburger Entwicklung besonders glücklich verlaufen. 
Als man in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Staats 
wegen eine Sammlung von Ratsherrenbildnissen anlegte und 
mit deren Anfertigung u. a. einen so bedeutenden Meister wie 
Denner beauftragte sowie in der Auswahl der Porträts bis 
ins 16. Jahrhundert zurückgriff, da hatte man wohl ein Be— 
wußtsein der Größe der inzwischen verflossenen Zeit: im Bilde 
der Stadtväter wollte man sie verewigen. 
In der Tat beruht die Bedeutung Hamburgs neben der 
günstigen äußeren Lage vor allem auf dem besonders rasch fort— 
schreitenden Verlaufe der inneren verfassungsmäßigen Entwick— 
lung, deren ungestörte Freiheit spätestens seit Anfang des 
Dreißigjährigen Krieges durch die Herstellung gewaltiger Festungs⸗ 
bauten, die äußere Feinde abhielten, gesichert wurde. Und schon 
gegen Schluß des Mittelalters hatte diese Verfassung ver— 
hältnismäßig sehr moderne Züge angenommen: weit modernere 
jedenfalls, als sie relativ junge Städte, wie Frankfurt oder 
Nürnberg, im Binnenlande aufwiesen. Sehr gering war da 
vor allem die agrarische Seite des bürgerlichen Lebens, die 
z. B. in Frankfurt so hervorstach, entwickelt gewesen; und so 
läßt sich denn für die Bildung der ratsfähigen Geschlechter 
kaum irgend etwas wie eine landwirtschaftliche Grundlage nach⸗ 
weisen; überhaupt gab es im Rate kaum ein altbefestigtes, auf 
einzelne Familien gestütztes Patriziat. 
Die Folge hiervon war, daß das Gemeindeleben von alters 
her besonders stark organisiert war, und zwar in nicht weniger 
als drei großen Verfassungsformen. Da war zunächst eine An⸗ 
zahl sehr kräftiger Parochialgemeindebildungen; da stellte sich 
neben und bald über diese eine vornehmlich seit der Reformation 
entschieden hervortretende politische Gesamtgemeinde, deren Or— 
gane anfangs durch Zusammensetzung und Auswahl aus den 
Organen der Kirchengemeinden erwuchsen; da gab es endlich, auf 
deutschem Boden fast eine Hamburger Besonderheit, eine aus⸗ 
nehmend starke Bildung freier Genossenschaften für öffentliche, 
namentlich kaufmännische, Verkehrs- und Bildungszwecke.
	        
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