Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 289 
Wir werden später in Leipzig, dessen große Zeit der Blüte 
Hamburgs teils parallel ging, teils folate, etwas Ähnliches 
beobachten. 
Woher diese Erscheinung? Die Musik ist eine gesellige — 
ein einsamer Pilosoph wie Kant hat gesagt: eine aufdringliche 
Kunst. Ihre höhere Pflege ist darum von vornherein nur 
möglich innerhalb großer ständiger Gemeinschaften. Solche 
Gemeinschaften waren im Mittelalter die Stifter und Klöster 
gewesen: und schon aus diesem Gesichtspunkte allein begreift 
sich die Überlegenheit der kirchlichen Musik über die weltliche 
sogar in diesen Zeiten, in den Zeiten der Monodie. Jetzt nun 
war die Entwicklung der Monodie durch eine solche der Poly⸗ 
phonie abgelöst worden: um so mehr bedurfte es zur Ausführung 
wie zum Anhören mindestens der Gesangesmusik großer Massen, 
wie sie nur in wohlbevölkerten Städten zur Verfügung standen. 
Blühte aber unter diesen Umständen die Musik wiederum 
grade in den Handelsstädten besonders empor, so war hierfür die 
Entfaltung der besonderen Eigenschaften der kaufmännis chen Psyche 
maßgebend, unter denen ein Zug zu sinnenfälliger, das Außer— 
gewöhnliche darstellender Pracht hervorsticht, sowie die Neigung 
zu einem künstlerischen Genusse, der aus wirtschaftlichen Auf⸗ 
regungen und dem hastigen Treiben des Tages rasch und un⸗ 
mittelbar ableitet, ohne daß es besonders großer eigner An⸗ 
strengung bedarf. Einen solchen Genuß vermittelt aber die 
Musik am raschesten — und innerhalb ihres Bereiches wiederum 
die Oper. Dies ist einer der Gründe, aus denen in unsern 
Handelsstädten noch heute die Oper überall besonders gepflegt 
wird. 
Außerdem aber kamen im 17. Jahrhundert noch große 
Momente tieferer und allgemeinerer Entwicklung hinzu, um die 
Neigung zur Musik überhaupt besonders zu begünstigen. Je 
verstandesmäßiger die Dichtung wurde, um so mehr versuchte 
das von ihr unbefriedigt bleibende Gemüt in einer Kunst aus⸗ 
zuruhen, der der volle Ubergang zum Rationalen ein für alle— 
mal versagt ist. Und je intensiver und in sich nuancierter die 
Empfindungen wurden, um so weniger konnten sie ihren vollen 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 19
	        
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