Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

290 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Ausdruck in den Lauten der herkömmlichen, noch dazu rationali— 
sierten Sprache finden: unwiderstehlich drängten sie einem Leben 
in Tönen zu. Es ist eine Bewegung, die eben jetzt, seit 1650, erst 
ganz leise einsetzte, die in den nächsten Jahrhunderten auf deutschem 
Boden die überreiche Blüte vor allem des Liedes hervorgerufen hat: 
die ihren ersten Höhepunkt fand in der klassischen Musik des 
primitiven Subjektivismus. Man weiß, wie in diesen Zeiten 
Schiller von der einfachsten Musik hingerissen ward, wie sie ihm 
zum wunderbarsten Erregungsmittel dichterischer Stimmungen 
gedieh. Und auch Goethe liebte die Musik in besonderem Maße: 
in einer der schönsten Stellen seines ‚Wilhelm Meister“, da, wo 
der Held des Romans von den unbeschreiblichen Empfindungen 
einer ersten wahren Liebe ergriffen wird, da greift er, um sie zu ver⸗ 
gegenwärtigen, zur Darstellung in der Macht der Töne. „Wilhelm 
ging noch einige Straßen auf und nieder; er hörte Klarinetten, 
Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende 
Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit 
ihnen, und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Marianens 
Wohnung. Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause; 
darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank 
in einiger Entfernung und überließ sich ganz den schwebenden 
Tönen, die in der labenden Nacht um ihn säuselten. Unter 
den holden Sternen hingestreckt, war ihm sein Dasein wie ein 
goldner Traum. ... Die Musik hörte auf, und es war ihm, 
als wär' er aus dem Elemente gefallen, in dem seine Empfin⸗— 
dungen bisher emporgetragen wurden.“ 
Es ist eine Stelle, die ihresgleichen nicht hat in unserer 
früheren Literatur; um die, Wende des 18. Jahrhunderts 
kündigt sie von der Musik als von einer ganz anderen Herzens⸗ 
bezwingerin, als es je zuvor eine gegeben hatte. 
Aber, wie gesagt, diesen neuen Aufgaben beginnt sich die 
Musik schon langsam im Zeitalter des Individualismus zu 
nähern, wenn auch noch vielfach unfrei in ihren eigenen Mitteln 
und gebunden an die Mitwirkung des Wortes. Und grade in 
dieser Hinsicht ist Entstehungsgeschichte wie Schicksal der ersten 
deutschen Oper besonders charakteristisch.
	        
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