Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 29) 
Da hatte man schon seit etwa 1590 begonnen, im Drama 
die Zwischenakte mit Singspielen, den Uranfängen der heutigen 
Operette, auszufüllen; und dann waren bei den Poeten der 
Zeit des Dreißigjährigen Krieges Dichtungen, die mit Musik 
wechseln sollten oder sonst in irgend einer Weise, etwa im 
Sinne des späteren Oratoriums, Musik erforderten, immer 
häufiger geworden: so hatte z. B. Klaj seine dramatischen 
Stoffe (etwa Herodes den Kindesmörder, den leidenden Christus, 
Engel⸗ und Drachenstreit) weniger als Schauspiele als im Sinne 
von Oratorien behandelt. 
Diesen Neigungen, wie sie leise anklangen und noch keine 
feste Kunstform gefunden hatten, war dann die italienische 
Oper in hohem Grade entgegengekommen, nachdem schon in 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Einfluß der ita— 
lienischen Musik auf dem Gebiete der liedmäßigen Komposition, 
später auch ganz allgemein von internationaler Bedeutung ge—⸗ 
worden war. Dabei war die älteste Form der italienischen 
Oper das Dramma per musica gewesen; wir haben sie schon 
früher kennen gelernt!. Aber jetzt war diese Form überholt, 
und als höchster Meister einer neuen Gattung trat Alessandro 
Scarlatti (d 1725) hervor. In ihr hatte das dramatische 
Moment, ursprünglich das durchaus bestimmende, an Kraft 
verloren; die Chöre waren seltener geworden und hatten immer 
weniger zu sagen gehabt: ganz in den Vordergund dagegen war, 
einer tiefsten Entwicklungstendenz der Musik gemäß, die beseelte 
Monodie, der Einzelgesang getreten. Dementsprechend wurde 
denn von den italienischen Meistern, besonders den Neapoli-⸗ 
tanern, aus dem ariosen Einzelgesang vor allem die sogenannte 
große Arie entwickelt, indem die Arie breiter angelegt und ihre 
Teile, Tonarten und Kadenzen in einer dreiteiligen Form mit 
Mittelsatz und Wiederholung geregelt wurden. Diese Arie 
drängte darauf je länger je mehr alles andere in den Hinter— 
grund, dramatischen Aufbau, textlichen Inhalt, ja aus dem In— 
S. Bd. VI, S. 225.
	        
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