Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

292 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
halt motivierte musikalische Empfindung. Sie wurde mithin 
für die gesangliche Ausdrucksfähigkeit und bald auch für die 
mit dieser entwickelte gesangliche Virtuosität Selbstzweck: so wie 
früher, bei den Niederländern des 15. und 16. Jahrhunderts, 
das kontrapunktische Gewebe für vokale Chormusik Selbstzweck 
geworden war. Es war eine Entwicklung, die schließlich, ganz 
entgegen dem ursprünglichen Drängen auf Beseelung des Ge— 
sanges, zur Durchführung reiner monodialer Bravour führen 
konnte, ja fast führen mußte. 
Und dieser Prozeß ging um so rascher vor sich, als der 
Inhalt der Oper ihm in keiner Weise Widerstand zu leisten ge— 
eignet war. Denn noch immer bewegte er sich in schäferlicher und 
gemacht-⸗heroischer Mythologie, war also dem Leben entfremdet. 
Hielt sich die Oper trotzdem, so hatte sie das nur ihren sinn⸗ 
lichen Reizen, dem des Gesanges wie der Inszenierung, zu 
danken. 
In Deutschland hat die Oper in dieser Form, entsprechend 
ihrem Wesen, besonders an den wichtigsten Höfen ihre Aus— 
bildung gefunden, um so mehr, als auch das Dramma per 
musica bereits fast ausschließlich von der fürstlichen Kultur 
aufgenommen worden war. So wurden denn die Höfe von 
Wien, München, Dresden, Berlin ihre wichtigsten Stützpunkte; 
daneben wurde sie, bald vorübergehend, bald dauernd, auch in 
Braunschweig, Weißenfels, Stuttgart und sonstwo gepflegt. 
In Wien blühte sie namentlich in der zweiten Hälfte des 17. 
und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Furx, 
Caldara und Conti; in München wurde sie mit dem Jahre 
1654 eingeführt und fand neben den Italienern in Johann 
Kaspar Kerl einen deutschen Tonsetzer italienischen Stils; in 
Dresden wurde sie etwa zur gleichen Zeit, mit der Thron⸗ 
besteigung des vergnügungssüchtigen Johann Georg II. (1656), 
aufgenommen und blühte namentlich zur Zeit Johann Adolf 
Hasses (1731 - 1763), der, Gemahl der berühmten Sängerin 
Faustina Bordoni und völlig italianisiert, als der größte Opern⸗ 
komponist der Zeit galt und das zeitgenössische Ansehen eines 
Bach und Händel bei weitem überstrahlte.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.