Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 293
In Berlin endlich wurden italienische Opern erst unter
Friedrich J. häufiger aufgeführt, so im Sommer 1700 ein
großes, mit Balletten vermischtes Singspiel ‚La Festa del
Hymeneéo“, und ein eigenes Opernhaus — eigentlich ein Re—
doutensaal — wurde gar erst unter Friedrich dem Großen im
Jahre 1742 eröffnet. Als Komponist für dieses wirkte ganz in
italienischem Sinne Karl Heinrich Graun, der Verfafser des
süßlichen, noch heute gelegentlich aufgeführten Oratoriums „Der
Tod Jesu“ vom Jahre 1760.
Allein neben diese fürstlichen Bestrebungen, die für die
deutsche Kunst fast gänzlich erfolglos geblieben sind, traten
bald bürgerliche; und hier kam es zu Entwicklungen, die nicht
bloß einer italienischen Kunstgeschichte in partibus infidelium, son⸗
dern vielmehr der Entwicklungsgeschichte der deutschen Kultur und
Kunst selbst angehören. Für sie aber wurde neben der italienischen
auch die französische Musik von Bedeutung — weit mehr, als
sie das für die höfische Musik gewesen ist. Und dabei handelte
es sich nicht bloß um Einflüsse auf dem spezifischen Gebiete
der Oper, sondern fast noch mehr auf dem der Instrumental—
musik überhaupt.
In Frankreich hatte Jean Baptiste Lully seit den siebziger
Jahren des 17. Jahrhunderts die französische Nationaloper zu
entwickeln begonnen, indem er in Verbindung mit dem Dichter
Quinault, zugleich angeregt durch Zurückgehen auf angeblich
altgriechische Formen, die italienische Oper durch Beschneidung
der groß angebauten Tonformen, namentlich der Arie, in ein
einfacheres Musikdrama zurückformte und damit zugleich Raum
schuf für die Entwicklung der echt französischen Eigenschaften
der Deklamation und Rhetorik, sowie für die stärkere Aufnahme
des für französische Augen unentbehrlichen Balletts wie über—
haupt eines raffinierten Dekorationswesens.
Diese Oper wurde nun zwar nicht unmittelbar nach Deutsch⸗
land verpflanzt, wohl aber wurde ihr Wesen und ihre Instru⸗
mentation deutschen Musikern bekannt; und so hat sie, neben
der italienischen Oper, nicht ganz unwesentlich auf den ersten
Versuch eingewirkt, auf deutschem Boden eine wirklich deutsche