Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 295
mit deutlichem Hinweis auf Hamburg geäußerte Wunsch des
alternden Schütz, statt Dresdens, wo er gewirkt hatte, „eine
fürnehme Reichs- und Hansastadt zur letzten Herberge auf dieser
Welt auswählen zu dürfen“. Und auch die Dichtkunst blühte
um diese Zeit schon, eine künftige Gehilfin der Oper.
Unter diesen Umständen konnte der Jurist und nachmalige
Ratsherr Schott es wagen, am 2. Januar 1678 eine ständige
Bühne mit einer ersten deutschen Nationaloper zu eröffnen.
Und bis zum Jahre 1738 hat darauf die Hamburger deutsche
Oper bestanden. Aber freilich war es schon in den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts entschieden, daß der Versuch
schließlich doch mißglücken werde. Und er mußte mißglücken,
weil er am Ende doch allzusehr auf eine unreife und rohe
Applikation der fremden Oper namentlich italienischen Stils
auf deutsch-bürgerliche Verhältnisse hinauslief. Denn was be—
deuteten schließlich der Masse der Bürger die Helden und Hel—
dinnen des Olympos? Man zog sie ins Lächerliche. Nun
wurden zwar dem übernommenen Stoffe deutsche Elemente
eingefügt und aufgepfropft, das Possenhafte des alten Fastnachts⸗
spiels und das Ernste des noch nicht völlig abgestorbenen
mittelalterlichen Mysteriums. Aber es war klar, daß aus
diesen Inhalten niemals ein neues Ganze entstehen konnte.
Die einzige sichere Folge war zunehmende Roheit, Begünstigung
des unfeinen Masseninstinkts für äußerliche Wirkungen, Betonung
des Sinnlichen sogar der geschlechtlichen Sphäre.
So glitt man denn von Jahrzehnt zu Jahrzehnt einem
immer weniger vermeidlichen Abgrunde zu, zumal sich keine
Librettisten höheren Stiles einfanden und die für die Oper
beschäftigten Komponisten, ein Kusser, Keiser, Matheson, Tele—
mann, zwar vielfach geschickte Musiker, doch teilweis sittlich und
gesellschaftlich minder hochstehende Persönlichkeiten waren.
Unter diesen Umständen nützte auch die Anwesenheit Händels,
der 1703 in Hamburg erschien und 1705 seine „Almira“, bald
darauf seinen „Nero“ zur Aufführung brachte, der Bühne
nichts; elend ging sie zugrunde. Und lange hat es seitdem
gedauert, ehe sich die Oper wieder anerkanntes künstlerisches