Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 297 
Frömmigkeitsströmungen, dem Versuche immer innigere Empfin— 
dungen des menschlichen Innenlebens wiederzugeben, und trug 
so nicht bloß zur Vervollkommnung der musikalischen Aus— 
drucksmittel bei, sondern erhöhte zugleich die deistisch-religiöse 
Stimmung, als deren Vertreter wir bald dem Dichter Brockes 
begegnen werden. 
3. Die Entwicklung der Oper, die in vielem noch immer 
dem barocken italienischen Geiste folgte, hatte es zunächst mit 
sich gebracht, daß die Bestrebungen in Hamburg auf literarischem 
Gebiete während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und 
darüber hinaus ein besonders buntes, aus Elementen des 
Barocks und des Rokokos gemischtes Bild zeigten. Da gab 
es neben alten Anhängern Rists und der Pegnitzschäfer auch 
direkte Nachahmer des italienischen Marinoschwulstes; und vor 
allem dauerte der Einfluß Lohensteins länger fort. Im ganzen darf 
man vielleicht sagen, daß sich eine ganze Generation hamburgischer 
Dichter in dem Kurse bewegte, der durch die genannten Rich— 
tungen angezeigt war: so Postel (1668 -1705) „aller nieder— 
sächsischen Poeten Großvater“, die beiden von Bostel, Prätorius 
und Hunold. Später wurde dann die Einheit eines wesentlich 
barocken Geschmackes durch Wernicke gestört, der französelte 
und in scharfen Epigrammen gegen die alte Schule vorging; 
doch trat auch jetzt der französische Geschmack nur neben die 
älteren Richtungen, ohne sie gänzlich auf- und abzulösen. 
In diese Lage wurde nun der spätere Hamburger Rats— 
herr Heinrich Brockes (1680 1747), der erste allgemein wichtige 
Hamburger Dichter, hineingeboren; und er baute sie für sich 
dahin aus, daß er sich, von den italienischen Manieristen aus— 
gehend, seit dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts immer 
mehr den Franzosen näherte, um schließlich im höheren Alter 
auch den Engländern Einfluß zu gestatten. 
Was aber die Hauptsache war: bei Brockes verband sich mit 
einer in seiner Blütezeit wesentlich französischen Formgebung 
ein breites Wurzeln in den verständig-bürgerlichen Voraus—
	        
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