Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

298 õwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
setzungen des deutschen Lebens und eine wahrhaft poetische 
Ader. Das ist es, was ihn, bei aller Tonfärbung schon ins 
Rokoko, den Niederländern der guten Renaissancezeit, einem 
Cats und verwandten Dichtern annähert: der Sinn für das 
Kleine und Konkrete in der Natur, die Freude am Garten und 
an seinen Blumen, an der Wiese mit ihrem betauten Gras, an 
Feld und Wald der nächsten Nachbarschaft. Was er um sich 
und sein Heim, das ihm über alles geht, erblickt, das unter— 
wirft er seiner bürgerlichefrommen Betrachtung, — und daraus 
ergibt sich ihm, was er als den Inhalt seiner Dichtung an⸗ 
sieht: die poetische Bestätigung der Leibnizschen Theodicee, das 
„irdische Vergnügen in Gott“: 
Glänzt Sonne, Feld und Flut in solchem Schmuck und Schein, 
Wie herrlich muß ihr Quell, wie schön der Schöpfer sein! 
In neuen starken Bänden, die von 1721 bis 1748 erschienen, 
breitet Brockes die poetischen Akten dieses Vergnügens in Gott 
vor uns aus, anfangs kühn und nicht selten sogar groß zufassend, 
so wenn er Gottes Dasein im Gewitter malt, später nachlassend 
und lehrsam-pedantisch. Es ist keine große, wohl aber eine 
charakteristische Poesie, die wir ihm auf diese Weise verdanken. 
Liegt bei Brockes das Verständige noch mehr in der Ten— 
denz seiner Poesie, wie denn durch sie unter den deutschen 
Dichtern ein förmlicher Hang, den physikoteleologischen Beweis 
vom Dasein Gottes poetisch zu führen, emporkam, so be— 
deutet es den Fortschritt der eingeschlagenen Richtung, wenn 
das Rationale immer mehr in den poetischen Gehalt selbst 
übertragen wurde. Es geschah, indem man das Pathetische in 
das Graziöse, das Schwere in das Muntere, das Kühne in 
das Kecke, das Obzöne in das Lüsterne, das Sinnlich-Rohe in 
das Frivole verwandelte und dem entsprechend die schwülstige 
Form der zierlichen weichen hieß. Auf Hamburger Boden war 
es Hagedorn, ein Hamburger Kind (1708 -1754), das diesen 
Weg aus dem Barock zum vollendeten Rokoko einschlug. 
Hagedorn wuchs unmittelbar aus der älteren Hamburger 
Poetengeneration heraus; eine Gedichtsammlung, die von ihm 
im Jahre 1729 erschien, verrät noch ganz deren eklektisches 
Schwanken. Aber Erfahrungen eines längeren englischen Aufent—
	        
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