Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 801 
Dabei stand Hagedorn eine zarte Melancholie der Vor— 
stellungsbilder zur Verfügung, sowie ein rasches Dahingleiten 
der Sprache über einschmeichelnde Metren, gleich dem matten 
Erglänzen gebrochener Farben der Atlasstoffe zur Rokokozeit: 
Wie säuselten die Lüfte so gelinde 
Zu jener Ruh' 
Wie spielten mir die Wellen und die Winde 
Den Schlummer zu! 
Mich störte nicht der Ehrfurcht reger Kummer, 
Der vielen droht; 
Ich war, vertieft in angenehmsten Schlummer, 
Für alle Welt, nur nicht für Phyllis tot. 
Und alles, was der Dichter der deutschen Welt auf diese 
Weise schenkte, jene „Kleinigkeiten, die nicht unsterblich sein 
wollten“, sie entzückten das Publikum, vor allem das feine 
Bürgertum der größeren Städte: verwirklicht erschien hier, was 
Opitz erstrebt hatte, und der Optimismus einer Anakreontik 
war geschaffen, aus dem ernstere Stimmungen schließlich, Zug 
um Zug, bis zu dem Jauchzen der Schillerschen Apostrophe an 
die Freude und Beethovens Schluß der Neunten Symphonie 
geführt haben. Und war nicht Hagedorn, wenn auch nach Goethe 
ein „lebensgewandter Edelmann“ und sicherlich in gewissem Sinne 
ein Renaissancedichter, gleichwohl auch bürgerlich und national? 
Voll verkörperte sich in seinen Gedichten die mögliche Lyrik 
des städtischen Patriziates der Rokokozeit; und kaum über— 
troffen und nur ergänzt werden konnte diese dadurch, daß auch 
noch die Dramatik und Epik, überhaupt die volle Dichtung dieses 
Standes irgendwo entwickelt ward. 
Das geschah aber nicht mehr in Hamburg, sondern an 
einem andern Orte, in Leipzig. 
II. 
—D 
Deutschlands; erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
hören wir von einem Leipziger Rat, und erst der Schluß des 
Mittelalters bringt der Stadt siegreiche und entscheidende
	        
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