Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 305
wohnerzahl beträchtlich stieg — unter den Zuwandernden be—
fanden sich seit etwa 1690 auch viele Hugenotten, die wirt—
schaftlich bald eine Rolle spielten —, auch die Stadtverwaltung
schritt in der Bewältigung moderner Kulturaufgaben energisch
und vielfach rascher als anderswo vorwärts. Man sorgte für
Kanalisation des städtischen Areals und Entsumpfung der Um—
gebung; man pflanzte Bäume und legte Promenaden an;
1708 wurden öffentliche Sänften eingeführt; am Schlusse der
Periode, seit den fünfziger und sechziger Jahren, begann die
Umwandlung des Rosentals in einen öffentlichen Park. Man
hatte schon das Bedürfnis von Adreßbüchern, deren erstes 1701
unter dem Titel „Das jetzt lebende Leipzig“ herauskam; und
man hielt auf feinen Ton: den Studenten wurde das nächt⸗
liche Umherlaufen in Nachtmütze und Schlafrock, wurde Maske
und ungewöhnlicher Aufzug bei Tage, wurde sogar das Rauchen
im Theater verboten. Und aus diesen wohlbestellten Niede⸗
rungen erhob sich die Blüte einer höheren geistigen Kultur.
Der Patrizier hielt darauf, einen Garten reichgepflegten Rokoko—
stils zu haben; in dem Plane von Leipzig, den der Homannsche
Atlas von 1749 enthält, ist fast die ganze Stadt von weit
ausgedehnten Gartenanlagen umgeben; das Adreßbuch von
1746 zählt 31 sehenswerte und dem Publikum zugängliche
Gärten auf, darunter den berühmten Boseschen, in dem schon
1700 eine Aloe mit 5138 Blüten gezeigt und nebst ihrem
Pfleger, dem Kunstgärtner Peine, durch eine Medaille verewigt
worden war. Dazu kam die Entwicklung der prächtigen
Privatarchitektur der inneren Stadt, von deren Bauten vielfach
Stiche verbreitet wurden, und deren Größe und Prunk dem Frank⸗
furter Patriziersohn Goethe ungeteilte Bewunderung entlockte.
Dem schönen Außern entsprachen aber noch ernstere und
innerlichere Bestrebungen. Gelehrte und schönwissenschaftliche
Gesellschaften blühten empor, zahlreiche Mäcene begründeten
Kunstsammlungen wie die Spenersche (Katalog 16983), die
Wolfsche (1714), die Myliussche (1716), die gern gezeigt
wurden; Künstler fanden sich ein, die wenigstens im Porträt⸗
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. I. 20