Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 307
Formen dieser, dem Lied und der Oper, wurde in Leipzig
namentlich das Schauspiel von Bedeutung. Und dies im un—
mittelbarsten Anschlusse an die Messe. Schon in den sechziger
und siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts tauchen zu den
Meßzeiten neben andern Schauspieltruppen zwei ständig wieder—
kehrende auf: die Paulische und die Kuhlmannsche. Darauf
erscheint in gleichem Sinne eine erste wirklich bedeutende Ge—
sellschaft, die Veltensche; sie hat von 1679 bis 1708 auf 34
Messen gespielt. Der künstlerische Erbe Veltens war Hake, der
Hakes Johann Neuber. Die Neuberische Truppe spielte von
1727 bis 1749, anfangs ohne jede Konkurrenz, auf 83 Messen.
Und dieser Truppe der berühmten Neuberin, die übrigens
schließlich völlig verarmte, folgten dann weitere Gesellschaften,
die immer regelmäßiger auch über die Meßzeiten hinaus tätig
waren, bis sie 1777 bis 1800 von den kurfürstlich sächsischen
Hofkomödianten in einem fast unterbrechungslosen Auftreten
abgelöst wurden. Man sieht, welch organische, in sich zu—
sammenhängende Entwicklung. Und schon führte sie im Jahre
1766 zum Baue eines neuen Komödienhauses, des jetzt noch
stehenden Alten Theaters. Ein wirklich ständiges Theater aber
hat Leipzig erst im 19. Jahrhundert erhalten, mit dem Baue
des Neuen Schauspielhauses vom Jahre 1817.
2. Aus dem bisher Erzählten erklärt es sich leicht, daß das
verständige Leipzig, wo sich Kunstgenuß und Hauptbuchführung
schließlich ausgezeichnet miteinander vertrugen, und wo die
stetige Fluktuation von Meßeindrücken, die dem praktischen Leben
angehörten, jede Übertriebenheit und Unnatur leicht erkennen ließ
und verscheuchte, eine der ersten Städte auf deutschem Boden
war, die sich vom Schwulste des Barocks abwandten. Und
wie fein und zierlich hat ihn später ein Leipziger Sachse,
Gellert. verspottet;
Ein junger Mensch, der gütigst wollte,
Daß jedes schöne Kind die Ehre haben sollte,
Von ihm geliebt, von ihm geküßt zu sein,
Jesmin sah Suylvpien, das heißt, sie nahm ihn ein ...
20 *