Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 311
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etwas, das schließlich dem Rokokostil der bildenden Künste ent—
sprach und mit diesem auf psfychologisch gleichem Nährboden
gewachsen war.
Wo blieb da das Groteske, Sprudelnde, Burleske, Phantasie—
reiche, Überschwengliche und Schlingelhafte der Sprache eines
Rabelais? Seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts
wurde es nicht minder abgestreift wie der Schwulst des
Marinismus. Und Mode wurde die Sprache des homme du
monde mit ihrem bon sens und ihrem juste milieu; in der
Dichtung traten die Muses sages eêet retenues auf, und unter
der Herrschaft einer Poetik im Sinne der raison incarnée
ward alles Regel und alles Bedeutung. Im Drama wurde
die vernünftige Einheit der Zeit und des Ortes durch—
gebildet und die philiströs-verständige Auffassung der mittleren
Charaktereigenschaften der Helden; die Rücksicht auf die Etikette
der Vornehmen zog ein — étudiez la cour hieß es zuerst,
and dann erst connoissez la ville — und nach ihr und dem
Prinzipe der bienséance wurden die Wahrscheinlichkeiten ge—
regelt. So ergab sich denn ein durchaus verständig-korrektes
Drama, und die Schaubühne wurde zu einer Schule, ou la
vertu n'était pas moins bien enseignée que dans les écoles
des philosophes. Und die Lyrik? Wie hätte sie neben einem
Theater, in dem das antike Fatum durch die galante Leiden—
schaft ersetzt ward, etwas anders sein können als der Ausdruck
von passions fertiles en tendres sentiments, von Rokoko—
leidenschaftchen mit kleinen, pikanten Motivchen und Konflikten?
Was ihr vornehmlich gelang, war der galant-lüsterne Brief—
wechsel berühmter Liebespaare, der sogenannte Heldenbrief, das
Epigramm, in dem die Vernunft breit zu Worte kam, und das
Lied, insofern es tändelte oder zur virtuosen Arie oder Kantate
erweitert ward.
Diese französische Poesie nun, ein Salonlebewesen, das
früh Frische und Farbe verlor und schließlich an gemachter
Einfachheit, kahler Nüchternheit und Vornehmheit in Gänse—
füßchen, kurz bleichsuchtshalber zugrunde gegangen ist, hat in
Deutschland erst eine zweite Generation von Leipziger Dichtern