Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 318
seiner Art tüchtigste Vertreter der Theorie von der vornehm⸗
lichen Lehrbarkeit der Poesie auf Grund französischen Rezeptes zu
werden. Von unermüdlicher Arbeitskraft, dichterischer Beanlagung
bar, dafür von hervorragender formaler Klarheit, ein Prosaiker
durch und durch, aber ebendarum geschäftskundig und geistes—
ermüdender Agitation fähig, hat er versucht, die deutsche
Dichtung zu kommandieren und ihr die Regeln seiner Dicht—
und Redekunst aufzudrängen. Und das geschah nicht bloß in
theoretischen Schriften, nein, auch in der Praxis, selbst der—
jenigen eigener poetischer Betätigung.
Es zeugt dabei für den literargeschichtlichen wie den prak—
tischen Scharfblick Gottscheds, wenn er die notwendige Um⸗
formung der deutschen Poesie vor allem an der entwicklungs⸗
geschichtlich wichtigsten Gattung, am Drama, und zwar vor⸗
nehmlich nicht durch eigene dramatische Schöpfungen, sondern
zunächst durch Verbesserungen der Bühnenkunst in Verbindung
mit der Aufführung französischer Stücke versuchte.
Freilich war ihm grade auf diesem Gebiete auch das
Glück besonders günstig. Wir wissen, wie das deutsche Drama
fast völlig verfallen war. In der Schweiz, hier und da wohl
auch in Süddeutschland wucherten die Formen des 16., ja
teilweis 15. Jahrhunderts noch üppig in alter Unbeholfenheit
fort; und daneben sowie vor allem in Nord- und Mittel—
deutschland führten die Ausläufer der Gryphiusschen und
Lohensteinschen Zeit, vermengt mit älteren Traditionen, ein
trauriges Dasein: „Lauter schwülstige und mit Harlekinslustbar—
keiten untermengte Haupt- und Staatsaktionen, lauter unnatür—
liche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter pöbelhafte
Fratzen und Zoten waren dasjenige, so man daselbst zu sehen
bekam,“ so schildert Gottsched selbst die Lage!. Daneben stand
denn die Oper in Hamburg, aber auch in Breslau und Leipzig
und gelegentlich vorübergehend hier und da an großen Orten:
nichts mehr als Mordspektakel und Schaustücke voll Unanständig-⸗
Zit. Lemcke S. 394.