314 wanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
keiten und Unwahrscheinlichkeiten, der Theatermaschinist tausend—
mal wichtiger als der Komponist und der Schauspieler.
Es waren Zustände, gegen die die Schauspieler selbst
schon angefangen hatten aufzutreten, und zwar nicht zum ge—
ringsten in Leipzig und im Zusammenhang mit der Messe;
insbesondere hatte sich die Bühnenkunst seit Velten aus dem
Gaukel-, Clown- und Zauberwesen herauszuwinden begonnen;
und eben zu Gottscheds Zeiten spielte zu Leipzig, wenigstens
während der Meßzeit, die verhältnismäßig hochstehende Truppe
Neubers und seiner besonders klarsehenden und energischen
Frau, der Neuberin.
Diese Lage machte sich Gottsched zunutze. Er veranlaßte
die Neuberin, von dem Unwesen der alten Stücke abzugehen;
er führte ihr Übersetzungen französischer Stücke zu und strengte
seine weitverbreitete literarische Klientel und Clique an, in diesem
Sinne, und bald nicht mehr bloß übersetzend, zu arbeiten, ja er ent⸗
schloß sich im Jahre 1731 selbst dazu, nach Addison und Deschamps
ein Stück, den „Sterbenden Cato“, zu verfertigen. Das Ergebnis
dieser Bemühungen war anfangs vortrefflich; mit Vergnügen
zumeist nahm das deutsche Theaterpublikum die Reform auf;
der Opernwust verschwand teilweis, und selbst die Höfe blieben
mit ihrer Anerkennung nicht zurück; in Dresden hat im Jahre
1734 nach vierzig Jahren wieder die erste deutsche Truppe,
freilich noch mit Hanswurst, vor dem Hofe gespielt.
Es schienen verheißungsvolle Anfänge. Und in der Tat
hat sich an diese Reform die Entwicklung eines deutschen ratio—
nalistischen Theaters noch auf mehr als zwei Jahrzehnte ge—
knüpft; noch die Stücke Weißes und Schlegels und auch die
ältesten Lessings sind aus der Atmosphäre dieser Reform
heraus geschaffen worden.
Dann freilich brach die Entwicklung jäh ab, nachdem schon
vorher ihr Urheber und Haupt, Gottsched, von der Neuberin
auf derselben Bühne lächerlich gemacht worden war, die er ge—
schaffen hatte.
Was war der tiefere Grund dieses Vorgangs? Genügt
es, ihn in der diktatorischen Natur des Leipziger Professors,