Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 313 
in der moralischen Unhaltbarkeit der von ihm angestrebten 
literarischen Herrschaft zu suchen? Das, was die Reform 
stürzte, ja von Anfang an als fressender Wurm in ihrem Innern 
genagt hatte, war die Herübernahme der französischen Drama— 
turgie zu einer Zeit, die soeben im Begriffe war, über deren ratio— 
nalistischen Charakter hinauszugehen. 
Was Gottsched verfocht, das war die Lehre, daß das 
Drama nichts sei als eine Nachahmung menschlicher Handlungen, 
die in der Tragödie auf die schrecken- und katastrophenreiche 
Wiedergabe des Untergangs hoher Personen hinauslaufen und 
dadurch Mitleid und Furcht erwecken und die in der Komödie 
die lächerliche Nachahmung einer lasterhaften Handlung zum 
Gegenstand haben und dadurch belustigen und zugleich auch er— 
bauen müsse!. Es waren die alten, nur nach franzöfischer An— 
leitung ein wenig umgeänderten Theorien des niederländischen 
Dramas; es war im Grunde noch das Programm von Heinsius 
und Vossius, wie es den bluttriefenden Stücken des Seneca 
entnommen worden war: weit stand es ab von der Forderung 
eines psychologischen Dramas, die langsam am Horizont der 
Zeiten emportauchte. 
Dabei handelte es sich keineswegs bloß um das Schicksal 
des von Gottsched eingeführten Dramas. Eine bestimmte Auf— 
fassung der Dichtung vielmehr, ja der Kunst überhaupt und 
mit ihr des gesamten Lebens stand in Frage. Das, was 
Gottsched schließlich charakterisiert, ist, daß er auf dem Gebiete 
der Dichtkunst die letzte Konsequenz des individualistischen 
Seelenlebens überhaupt zog. Der rationale Charakter dieses 
Lebens drängte auf ein Begreifen der Dichtung als einer lehr⸗ 
baren, verstandesmäßig erfaßbaren geistigen Übung hin: und 
dieser Gedanke ist die Grundlage der Gottschedschen Poetik. 
Die Folge der Durchführung derselben aber konnte nichts sein 
als eine geordnete, klare, aber zugleich phantasielose Auffassung 
des poetischen Stoffs, wenn auch mit energischer, aber zur 
Prosa führender Zucht der dichterischen Sprache: kurz, strenge 
S. dazu oben S. 268.
	        
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