Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

316 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
formale Zucht bei inhaltlicher Schalheit, die sich bis zum Lächer— 
lichen steigern konnte. Demgemäß trat im Grunde, für die 
dichterische Auffassung, der Inhalt als etwas persönlich Ge— 
gebenes, Eigenes überhaupt zurück, und Dichtung, ja Kunst über— 
haupt konnte als bloße Nachahmung der Natur erklärt werden. 
Konsequenteste Entwicklung einer individualistischen Auf— 
fassung des Lebens und darum extrem nüchtern und rationalistisch: 
wie konnten diese Gedanken, eben erst gegen Torschluß des indi— 
vidualistischen Zeitalters, um 1730 etwa, aufgenommen und 
durchgeführt, vor dem Nahen einer seelisch ganz anders kon— 
struierten Zeit bestehen? Sie gingen in diesem Nahen zugrunde. 
Der Verfall der rationalistischen Auffassung der Dichtung 
und der Kunst überhaupt aber mußte sich, bei der halb dikta— 
torischen Haltung, die sich Gottsched im Laufe der dreißiger 
Jahre in der deutschen Literatur erworben hatte, im Kampfe 
gegen seine Person vollziehen. Und dieser Kampf wurde, schärfer 
vor allem seit etwa 1740, aufgenommen von einer dritten Stelle 
— — 
deutschen Bürgertums mit neuen Bildungen vollzogen hatte, und 
an der nicht die naturalwirtschaftliche Depression des 16. Jahr⸗ 
hunderts lange Zeit hindurch verheerend gewirkt hatte: von der 
Schweiz. 
III. 
l. Man darf für das Schicksal, das die deutsche Nation 
betroffen hat, auch heute noch im Bereiche verschiedener staat⸗ 
licher Gebilde für ihren geschichtlichen Beruf wirken zu müssen, 
nicht allein die Charakteranlage des Volkes verantwortlich machen. 
Auch die geographischen Bedingungen des Volksgebietes haben 
zur Zersplitterung das Ihrige beigetragen. Gewiß ist heute 
Deutschland für Europa das Land der Mitte. Aber in sich 
ist es keineswegs zentripetal, sondern vielmehr zentrifugal ge— 
gliedert. Die norddeutsche Tiefebene bildet ein Element für 
sich; hier ist Preußen als ein sehr eigenartiges Staatsgebilde 
groß geworden. Ebenso selbständig sind die Donauländer; ja, sie 
weisen geographisch geradezu aus Deutschland heraus: und es
	        
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