Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 319 
die Tuch- und Leinenmanufaktur schon im Mittelalter, die 
Seidenindustrie seit dem 15. bis 17. Jahrhundert, die Baum— 
wollspinnerei und -weberei ungefähr seit gleicher Zeit, die Uhren— 
erzeugung seit dem 17. Jahrhundert zurück auf die Arbeits— 
kräfte der Höfe und Dörfer. So bedurfte es denn später kaum 
noch jener vielumfassenden Liquidation der mittelalterlichen 
Volkswirtschaft, die dem inneren Deutschland in den Anfängen 
des subjektivistischen Zeitalters so viel Unbehagen verursacht 
hat, und an die Stelle des mittelalterlichen Gegensatzes von 
Stadt und Land begann früh ein viel modernerer zu treten: der 
zwischen den abgelegenen Tälern mit ihrem Naturzustande und 
den offener daliegenden Gebieten moderner Kultur. Es ist der 
Gegensatz, der, heute noch nicht überbrückt, seit etwa 1700 be— 
sonders wirksam wird und in Namen wie Rousseau und Haller, 
Geßner und Pestalozzi, Zschokke und Jeremias Gotthelf, ja in 
gewissem Sinne auch noch Gottfried Keller und Konrad Ferdinand 
Meyer zutage tritt. 
Besonders modern, wie auf staatlichem, war die Schweizer 
Entwicklung aber auch auf kirchlichem Gebiete. Ja hier gab 
es eine Zeit, in der es schien, als sollte der landeseingeborene, 
in hohem Grade freie Zwinglianismus durch eine noch freiere 
Richtung ersetzt werden; von Süden und Westen her nahte 
schon im 16. Jahrhundert der Antitrinitarismus Servedes und 
jener italienischen Humanisten, die, aus Italien vertrieben, sich 
in der Südschweiz und in Graubünden niedergelassen hatten: 
und nur das energische Einschreiten Calvins in Genf hat die 
deutsch⸗schweizerische reformierte Kirche gerettet. 
Übersieht man diesen, hier nur mit zwei Worten zu schildernden 
inneren Entwicklungsgang der Schweiz, so begreift man wohl, 
mit welcher raschen Klarheit und verhältnismäßig sicheren Ruhe 
sich das geistige Leben der Eidgenossenschaft entwickeln mußte. 
Auch für diese Seite des schweizerischen Daseins galten schon 
im 17. und 18. Jahrhundert die Worte Kellers: 
Ja, du bist frei, mein Volk, von Eisenketten, 
Frei von den Hörigkeiten alter Schande, 
Kein Hochgeborner schmiedet dich in Bande, 
Und wie du liegen willst, darfst du dich betten.
	        
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