320 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
2. Vornehmlich zutage aber trat diese Schweizer Ent⸗
wicklung und die auf sie hin mögliche geistige Haltung in den
großen Städten des Landes; und unter ihnen ragten schon früh
Basel und namentlich Zürich, dieses auch in seiner partikularen
Entfaltung besonders rasch fortschreitend, kräftig hervor. In der
Zeit aber, die uns hier beschäftigt, war aus dieser allgemeinen
Konstellation für die Gebiete der Phantasietätigkeit und speziell
der Dichtung eine sehr eigenartige Lage erwachsen. Einerseits
hatte man aus altaristokratisch-republikanischem Sinne mit der
neuen Hofkunst der Franzosen rasch abgerechnet: in diesem
Punkte war man überaus modern gewesen. Anderseits aber
hielt man, einem eingeborenen Zuge des alamannischen Stammes
zum Phantastischen folgend, wie er von der Tellsage bis auf
die Tage Böcklins und Kellers erhalten geblieben ist, gern an
den schweren, ja selbst ein wenig an den schwülstigen Formen
des Barocks fest; Reste dieser Formen finden sich noch bei
Haller, und im engeren ist es charakteristisch, daß unter dieser
allgemeinen Stimmung wiederum die Dichtungen der republi—
kanischestädtischen Niederdeutschen, der Hamburger, und vor
allem die Poesie von Brockes in den Schweizer Bürgerschaften
casch beliebt geworden sind.
Was mußte oder konnte nun das Ergebnis dieser beson⸗
deren Mischung bei weiterschreitender Entwicklung sein? In
dem Augenblicke, da das alte Barock schließlich doch erledigt
schien, übersprang man rasch das verstandesmäßige Rokoko und
eilte unter nur nuancierter Abänderung der alten pathetischen
Grundstimmung neuen Zielen einer erst geahnten Gemüts⸗
dichtung zu, die in der Richtung auf ein kommendes subjek⸗
tivistisches Zeitalter lagen.
Dies sind die Umstände, aus denen heraus die Schweizer
in die allgemeine Bewegung der deutschen Dichtung einzugreifen
begannen.
Sie fanden sich aber bei diesen Neigungen und Absichten
gleichwohl nicht ohne Unterstützung durch die Franzosen und auch
die Engländer. In Frankreich hatte man inzwischen gegen den