Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 321 
extremen Rationalismus der Rokokodichtung auch schon zu 
kämpfen begonnen; namentlich die Schriften des Abbé Dubos 
kamen da in Betracht. Noch mehr aber hatten sich die Eng⸗ 
länder, spätestens seit der glorreichen Rebolution in rapider 
zeistiger Entwicklung auf subjektivistische Ideale hin begriffen, 
bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts gegen das bittersüße 
Dasein einer verstandesmäßigen Phantasietätigkeit gewendet. 
Und ihre Ideenreihen in dieser Hinsicht wurden für die Schweizer 
hald wichtiger als die der Franzosen, zumal der englische Geist 
früh auch schon in das stammverwandte Niedersachsen ein— 
zudringen begann: Brockes bereits ist von ihm berührt worden. 
In der Schweiz aber war es zuerst die Stadt Basel, die sich 
der neuen Gefühls- und Gedankenwelt auftat, bis Zürich 
unter Bodmer und Breitinger, und zwar in spezieller Aus— 
einandersetzung mit Leipzig und Gottsched, die Führung über⸗ 
nahm. 
Johann Jakob Bodmer (1698—1788), seit 1725 Pro⸗ 
fessor der Geschichte und Politik, und Johann Jakob Breitinger 
(1701 - 1776), seit 1731 Gymnafialprofessor in Zürich, waren 
so wenig Dichter als Gottsched, wenn sie sich auch, wie dieser, 
voetisch versucht haben. In dieser Hinsicht waren also auf 
beiden Seiten die Kräfte gleich; und in der damit gemeinsam 
gegebenen Grundlage war es zugleich beschlossen, daß ein volles 
Durchdringen zu den neuen Prinzipien einer subjektivistischen 
Dichtung in diesem Streite nicht erfolgen konnte: dazu hätte 
es unter den Neuerern eines Dichters von Gottes Gnaden be⸗ 
durft. Dieser erschien aber erst in Klopstock, und darum wurde 
Klopstock in späteren Jahren von den Schweizern als der er— 
lösende Geist begrüßt. 
Was Bodmer und Breitinger auf Grund der schweizerischen 
Traditionen wie aus einem durch diese Traditionen geförderten 
Verständnis der Engländer und einiger Franzosen her begriffen, 
war, daß die Dichtung nicht auf Fertigkeiten beruhe, sondern 
auf Inspiration, daß der Grundbrunnen aller Kunst nicht in 
den klaren Wässern des Verstandes, sondern in den quellenden 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. J. 21
	        
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