322 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Strudeln der Phantasie gegeben sei. Es ist der Satz, den sie
immer wieder betonten; darum begannen sie gegenüber den
verstandesmäßigen Lateinern die Griechen zu verehren: an Stelle
Horazens trat Homer, und neben ihn stellten sie, von den Eng—
ländern vornehmlich geleitet und begeistert, Milton und Shake—
speare. Und hiermit verband sich bald eine Würdigung der
Volkspoesie der Engländer, aber auch anderer Völker, der
Lappen, Indianer u. s. w.; denn in ihr wurde die Phantasie
besonders stark, weil unbewußt und unabhängig vom Verstande
schaffend, erachtet. Aus diesem Zusammenhange her erfloß
dann zugleich die stärkste Belebung des Sinnes für das Er—
habene und Pathetische, die Neigung zur Verwerfung aller
lautlichen Zierformen, vor allem des Reims, das Dringen auf
eine besondere, von der Prosa nach Wortstellung und Wort—
schatz abweichende Sprache: kurz die Auffassung der poetischen
Form überhaupt als eines unmittelbaren Ausdruckes der Ein—
bildungskraft.
Das alles waren nun Sätze, mit denen man Gottscheds
Meinung, wie sie in seiner „Kritischen Dichtkunst“ (1729)
niedergelegt war, unmittelbar entgegentrat. Aber daneben gab
es doch ein breites Gebiet, auf dem sich die Schweizer und
Gottsched noch immer zusammenfanden. Trotz ihrer Betonung
der Phantasie hielten nämlich die Schweizer doch daran fest,
daß die Poesie im Grunde, wenn auch mit bedeutsamen Er—
weiterungen des Satzes zugunsten der Zulassung des Wunder—
baren, Nachahmung der Natur sei, gaben also unter den be—
stehenden Verhältnissen den subjektiven Inhalt der Poesie, wie
er durch die Heranziehung der Phantasie im Grunde ge—
wonnen zu werden begann, doch wieder, wenigstens teilweis,
dem Rationalismus Gottscheds preis. Und sehr begreiflich,
daß dem so war: eben dieser subjektive Inhalt konnte, wie
schon oben angedeutet, von keinem Kritiker bewiesen, er mußte
von großen Dichtern anschaulich gemacht, er konnte nicht er—
definiert, sondern nur erschaffen werden.
Da diese Schöpfung aber zunächst nicht eintrat, so mußte