326 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
unmittelbar verständlich aus der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts herübertönen: Händel und Bach.
Wir haben die innere Entwicklung der deutschen Musik in
dem Augenblicke verlassen, da der erste Versuch einer deutschen
Oper in Hamburg scheiterte. Er scheiterte nicht so sehr an der
Unzulänglichkeit der für den Zweck aufgebotenen musikalischen
Mittel, als an sozialen Hindernissen und an der Unfähigkeit
der Dichtung, der Musik zu Hilfe zu kommen; die Librettisten
versagten, und die Oper ging im Spektakelstück unter. So war
es denn zunächst zu keiner deutschen Oper gekommen, und die
musikalischen Empfindungen hatten sich, soweit sie dramatischer
Natur waren, in die große Kirchenkantate, die Vorgängerin des
Oratoriums, geflüchtet.
Inzwischen aber hatten sich in Italien, noch immer dem Lande
größten technischen Fortschrittes in der musischen Kunst, die musi⸗
kalischen Ausdrucksmittel von neuem ungemein vervollkommnet.
Vor allem der Sologesang war auf eine unerreichte Höhe der
Technik gehoben worden; seit der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts in den römischen und neapolitanischen Schulen für
die Kammer wie die Buhne gleich hoch entwickelt, hatte er
neben allem Künstlich-Virtuosen doch auch an Ausdrucksfähig⸗
keit gewonnen; um 1700 sah man von der erreichten Höhe auf
die Leistungen des 16. Jahrhunderts als völlig überwunden
zurück. „Vorher hatten die Sänger,“ sagt Pietro della Valle von
dieser Zeit, „außer ihren Trillern, Passagen und etwa einer
guten Stimme keine andere Kunst im Gesange als piano und
forte, crescendo und decrescendo; aber die Leidenschaften
und den Sinn der Worte durch den Ton der Stimme aus—
zudrücken, vermochten sie nicht“. Eben diese Fähigkeiten waren
jetzt gewonnen: ein erneuter Aufschwung der Musik war
ermöglicht.
Neben der Hebung des Sologesanges aber war in dieser
Periode auch nicht minder eine intenfivere Verwendungsfähigkeit
Bei Doni II, 256; zit. v. Donner 2 S. 441.